Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 223 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 223 Mitten im Tanzen läßt der Badchen den lustigen Ruf erschallen: „men bet dem ojlem [olam Welt d. i. die Versammelten] di Hend zi waschen (das rituelle Händewaschen vor dem Mahl) in zi Tisch zi gen!" Der Hochzeitsschmaus beginnt. Männer und Frauen setzen sich an verschiedene Tische. Auch Braut und Bräutigam sitzen getrennt bei der Seudah (Festmahl). Der „Sarver" trägt die Gerichte auf, die selbst bei ärmlichen Kreisen sehr reichlich und in mehreren Gängen vorgesetzt werden. An Fisch und Fleisch darf es niemals fehlen. Der Karpfen ist der offizielle Hochzeitsfisch, von dem das „Kopfstück" sehr begehrt ist und vom Sarver nur an auserlesene Gäste verabreicht wird. Während des lustigen Beisammenseins am Tische wird von den talmudisch gebildeten Gästen das Mahl durch manch „gut Wort", d. h. durch schöne homiletische Bemerkungen und geistreiche Auslegung talmudischer Stellen, die zumeist auf den Moment Bezug haben (Torah meinjanah dejomah), gewürzt und geweiht. Die Anwesenden, gleichviel ob sie den Ausführungen folgen können oder nicht, lauschen ihnen mit Vergnügen und Begeisterung, da das Mahl dadurch einen geistigen Hauch (reach Torah) gewinnt. „Eine Zusammenkunft, die durch Worte der Tora geheiligt wird, bei der ist die Herrlichkeit Gottes selber zugegen" (Abot 3/3). Nun erhebt sich der „Chasan" (Synagogenkantor), der schon bei der Chupe assistiert hatte, und leiert für jeden der anwesenden Männer in singendem Tone der Reihe nach den üblichen Segensspruch „Mi scheberach" herunter, wofür er von jedem ein Geldstück in die Hand gedrückt oder auf einen von ihm bereit gehaltenen Teller gelegt bekommt. Jetzt tritt der Badchen in seine eigentliche lustige Tätigkeit. Er beginnt mit dem Bräutigam und läßt der Reihe nach alle Anwesenden Revue passieren, jedem eine besondere Ansprache in seiner Badchenart widmend, wofür er von jedem beschenkt wird. Unter Zugrundelegung des Namens der Person, die er besingt, zerlegt er die in diesem Namen enthaltenen Buchstaben und konstruiert in geschickter Weise Sätze und Aussprüche aus Bibel und Talmud, deren Anfangsbuchstaben jenen Namensbuchstaben gleichen (im Talmud heißt diese Kunstform „Notarikon", vom Lateinischen notaricum Abkürzung), oder er addiert den Zahlenwert des Namens und baut neue Verse und Gedanken gleichfalls aus Bibel und Talmud, die denselben Zahlenwert haben (im Talmud „Gematria" genannt, vom Griechischen: yeco^stQia Rechenkunst). Der Badchen produziert hierbei mitunter eine solche Geschicklichkeit und zugleich eine solche Vertrautheit mit dem jüdischen Schrifttum, daß sie oft sehr gewiegte Talmudkenner in Erstaunen versetzen. Bei einer gelehrten Hochzeitsgesellschaft kommt es dem Badchen darauf an zu zeigen, daß er auch auf diesem Gebiete des Wissens (zumeist Bibel und Agadah bezw. Midrasch) zu Hause ist. Die Ansprachen des Badchen haben zu ihrem Hauptinhalte Segnung, die er eben in den angeführten Zitaten angedeutet zu finden glaubt, und Wertschätzung der Besungenen, von denen er jeden nach seiner Bedeutung, natürlich in stark übertriebenem Maße, würdigt. Hierauf beginnt der gemütliche Teil. Die Frauen erheben sich und nähern sich, in entsprechender Ferne bleibend, dem Tisch der Männer, um dem Badchen lauschen zu können. Er parodiert, aber keineswegs in einer die Würde der Torah verletzenden Weise, verschiedene talmudische und midraschische Sätze und Aussprüche. Unter Zugrundelegung der talmudischen Ausdrucksweise und Sprache führt er mit sich selber humorvolle Dialoge nach dem Gedanken-