Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 222 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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222 Samuel Rappaport: von denen alle mitgerissen werden. Wie mit eruptiver Gewalt bricht die bisher unterdrückte Freudigkeit aus. Es bleibt niemand ruhig sitzen. Alles muß tanzen, und wenn jemand der Ermüdung wegen nicht will oder nicht kann, wird er gewaltsam in den Kreis der Tanzenden mit hineingezogen. In erster Linie sind es die Eltern bzw. Großeltern, die wie verzückt in hell aufflackernder Freude hüpfen und tanzen und alle mit sich reißen. Die bisher wie ein schwerer Alp auf ihrem Herzen lagernde Besorgnis ob der Zukunft des jungen Paares ist wie durch die Berührung eines Zauberstabes verschwunden. Eines der größten und wichtigsten Stadien ihres Lebensweges haben sie nun hinter sich. Sie haben ihr Kind zur Chupe gebracht. Dieses Moment wiegt ihnen alle Leiden und Plagen auf, die über sie bis jetzt ergangen sind. Das Kind ist nun „versorgt" d. h. verheiratet. Nicht schreckt sie jetzt mehr das Gespenst des „alten Bachur" oder der „grauen Mod" (herangewachsene unverheiratete Sohn und Tochter) zu Hause, vor dem die Seele eines jeden Ostjuden als vor dem größten Fluch jäh zusammenzuckt. Nun können sie auch bald hoffen, des größten Segens König Davids teilhaftig zu werden: „Und die Nachkommen deiner Kinder sollst du sehen" (Psalm 128/6). Unterdessen werden Braut und Bräutigam zum symbolischen „Alleinsein", „Jichud", in einen nebenan liegenden geschlossenen Raum geführt und an einen Tisch gesetzt, wonach sie einige Minuten bei geschlossener Tür ganz allein miteinander verweilen. Nach jüdischer Tradition nämlich darf kein Jude mit einer fremden Frau „Jichud" haben, daß heißt: er darf mit ihr nicht allein, ohne dritte Person, in einem geschlossenen Räume bleiben. Dadurch, daß nun Braut und Bräutigam zum erstenmal allein im geschlossenen Räume miteinander weilen, wird gleichsam symbolisch öffentlich dokumentiert, daß sie von nun an ein nach allen Satzungen Mosis und Israels gesetzlich getrautes Ehepaar bilden, das fortan zueinander gehört.*) Nach einigen Minuten des „Jichud" wird dem jungen Ehepaare die sog. „güldene Jauch" (goldene Suppe) serviert, zu der natürlich noch andere Speisen hinzukommen. Die „güldene Jauch" ist das erste Mahl, welches das Ehepaar zusammen und ganz allein unter sich einnimmt. In manchen Orten wird als Symbol der „güldenen" Jauch eine blanke Goldmünze während des Kochens in die Suppe geworfen. Nachdem das Ehepaar — wenn dies nicht anders erlaubt ist — den ganzen Tag über gefastet hat, bildet das Mahl für sie wirklich eine güldene Labung. Bemerkt muß aber werden, daß selbst an Hochzeitstagen, an denen das Ehepaar — wie schon angegeben — nicht fasten muß, es tagsüber nur sehr wenig Nahrung zu sich nimmt, geistige Getränke aber überhaupt nicht genießen darf, damit keins etwa in einem, wenn auch nur in geringem Maße, vom Alkohol angeregten Zustande zur Trauung komme. Inzwischen nehmen sowohl bei den Männern wie bei den Frauen die Unterhaltung und der Tanz ihren flotten Fortgang. Die Klesmer rufen den Mädchen „Schabbes, Schabbes" (dessen Bedeutung oben angegeben) zu. Ab und zu wirft ein Mädchen ein Geldstück in die Zimbel, und in lustigem Reigen wirbeln die Mädchen zum Takt der Musik im Kreise. *) Mahril klagt a. a. 0.: die uralte schöne Sitte des „Jichud" des Ehepaars bald nach der Trauung werde seit langem in Deutschland nicht mehr geübt und sei zu seiner Zeit (also schon im 14. Jahrhundert) ganz in Vergessenheit geraten. Im Osten dagegen ist dieser Brauch, als in der Tradition gut begründet, noch heute lebendig und überall üblich.