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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5 · p. 221

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 5
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1918-01-01
Page
221 (sequence 3)
Language
German
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Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 221 kündet: „Hojraj! Der Chussen geht! Chussen dojme lamelech" (Der Bräutigam — am Hochzeitstage — ist einem Könige gleich, Pirke de Rabbi Elieser Abschnitt 16), worauf der Bräutigam unter den Klängen einer fröhlichen Hochzeitsweise unter die Chupe geführt und in die Mitte gestellt wird. In derselben Weise wird dann die Braut zur Chupe gebracht, wobei ebenfalls die „Unterführerins" (fem. Plural von „Unterführer'*) wie die begleitenden Frauen brennende Kerzen in der Hand tragen. Die Unterführer umkreisen, die Braut an der Hand führend, siebenmal den in der Mitte der Chupe stehenden Bräutigam, während ein Kantor (Chasan) Psalmenverse singt, hierauf wird die Braut zur Rechten des Bräutigams hingestellt. In den größeren Städten wird die „Chupe" (mit dem Worte „Chupe" wird in der Volkssprache der rituelle Trauungsakt bezeichnet) zu Hause bzw. dort, wo das Hochzeitsfest stattfindet, „gestellt". In kleineren Städten, wo die Juden dicht nebeneinander wohnen und ganze Stadtteile ausschließlich für sich innehaben, würde man es für eine Profanation betrachten, den heiligen Akt der Trauung in einem geschlossenen Zimmer zu vollziehen. Nach sehr alter jüdischer Sitte findet dort noch die Chupe, insoferne die Witterung es erlaubt, auf offenem Platz „vor der Schül" (Synagoge) statt. Die „Chupe" wird vor der Synagoge aufgestellt. Unter den Klängen der Musik und unter Begleitung von Frauen und Männern, die brennende Kerzen in der Hand tragen, werden Braut und Bräutigam durch die Straße zur „Chupe" geführt. Bevor der Trauungsakt vorgenommen wird, ruft der Badchen die Eltern bzw. Großeltern zum „Benschen" (Segnen) des Brautpaars. Es nähern sich der Reihe nach die Eltern, und unter stillen Tränen, auch des Brautpaares, legen sie ihre Hände segnend auf das Haupt ihrer Kinder, was mitunter mehrere Minuten unter allgemeiner Stille in Anspruch nimmt. Nun beginnt der Trauungsakt nach herkömmlicher altjüdischer allgemeiner Tradition, bei dem der Bräutigam, nachdem er den Trauungsring der Braut angelegt und die traditionelle Formel gesagt hat, mit dem Fuß ein kleines Glas zerstampft.*) Der traditionelle Trauungsakt „Ketubah" wird laut vorgelesen und der Braut ausgehändigt. In manchen Gegenden Galiziens ruft derjenige, der der Braut die „Ketubah" übergibt, ihr laut und freudig in polnischer Sprache zu: „Masz dekret na sto lat" (Hier hast du ein Dekret auf hundert Jahre). Nach dem melodiösen Hersagen der letzten traditionellen fünf Segenssprüche (zusammen sind es sieben Segenssprüche, „Scheba brachot") durch denjenigen, der die Trauung vollzogen hat, oder durch einen anderen, der damit beehrt worden ist, bricht alles in hellen Jubel aus. Die Musik stimmt einen lustigen Tanz an, man beglückwünscht und küßt einander, es entstehen Knäuel von Tänzern — natürlich Männer und Frauen gesondert — *) Der Sinn dieses wohl allgemein üblichen und sehr alten Brauches ist historisch unbestimmt. (Siehe die vorangegangene Anmerkung.) Die herrschende Ansicht meint, das Zerstampfen des Glases durch den Bräutigam in diesem freudigen Moment solle an die Zerstörung Jerusalems erinnern. Nun glaube ich aber, daß überdies mit diesem Brauch in mancher Beziehung ein gewisser Aberglaube in Verbindung steht. Das zerstampfte Glas — ebenso der zerbrochene Topf oder Teller bei der Verlobung — soll gleichsam die bösen Geister versöhnen, es soll gewissermaßen ein Tribut bzw. Ersatz als „Sündenbock" für ein etwa beschiedenes Unglück sein. Noch heute hört man im Osten, falls etwas zerbrochen wird, worüber der Eigentümer sich grämen könnte, ihm zurufen, „Masel tow! es soll dies sein eine ,Kapure< (Sündenbock) für dich und deine Familie! Falls euch was Schlechtes beschieden war, soll dieser Schaden der Ersatz dafür sein."

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