Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 220 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Samuel Rappaport: begegnete [Genesis 24/65]. Unter Begleitung seiner männlichen Umgebung begibt sich der Bräutigam in den Frauensaal und legt den lang herabhängenden dichten Schleier, das sogenannte „Decktuch", das als offizielles „Kallegeschenk", das ebenso wie die Perücke am nächsten Morgen der Braut von Seiten des Bräutigams gebührt, auf das Haupt seiner Braut, wonach ihr Gesicht den ganzen Abend über tief verschleiert und von keinem gesehen bleibt. In manchen wenigen Gegenden vollzieht das Kallebedecken der Rabbiner bezw. derjenige, der die Trauung vornimmt. Auf das Haupt der Braut wird gleichzeitig oberhalb des Decktuches etwas Hopfen, wegen seines bitteren Geschmackes und seiner Üppigkeit, als Symbol der Bitternisse des Galut und der gesegneten beglückenden Fruchtbarkeit, gestreut. In manchen Gegenden dagegen werden Weizenkörner als Symbol der Fruchtbarkeit und des Segens auf das Haupt der Braut geschüttet. Nun treten die „Unterführer" in ihre Funktion. Das Ehrenamt der Unterführer bekleiden zwei Ehepaare, in der Regel aus der nächsten Verwandtschaft oder dem intimen Freundeskreis des Brautpaares. Die beiden Männer führen am Arm den Bräutigam zur „Chupe" (Traubaldachin) und die beiden Frauen die Braut. Man geht in der Wahl der Unterführer sehr vorsichtig vor, da diese — nach dem Volksglauben — von Bedeutung für das Glück des Ehepaares sein kann. Von der Funktion eines Unterführers sind grundsätzlich ausgeschlossen: Leute, die schon einmal früher verheiratet gewesen sind, also Geschiedene oder Witwer, auch wenn sie sich wieder verheiratet haben, ferner Kinderlose, endlich Ehepaare, die nicht glücklich miteinander leben. Bevorzugt werden dagegen Ehepaare, die ein glückliches, mit Kindern und Wohlstand gesegnetes Eheleben führen. Die Unterführer leiten das Brautpaar zur Chupe, sie begleiten es hierauf, zum ersten Mal, in ihr neues eheliches Heim und leisten ihm Gesellschaft auch während der sechs der Hochzeit folgenden Festtage (Schibat jeme mischte), insofern die Umstände es ihnen erlauben. Es bleibt dann fürs Leben eine gewisse herzliche Beziehung zwischen den Unterführern und dem jungen Ehepaar, etwa wie zwischen Paten und Patenkind bei Nichtjuden. Es gereicht dann den Unterführern zur besonderen Genugtuung, wenn das Ehepaar, das sie zur Chupe geführt haben, im Leben glücklich ist. Nachdem der Badchen mit dem Chussenbesingen zu Ende ist, legen die beiden männlichen Unterführer dem Bräutigam den von der Braut ihm geschickten „Kittel" (weißes Totenhemd, das zur Trauung, am Sederabend, sowie am Versöhnungstage getragen wird; in denselben Kittel wird auch der Jude beim letzten ewigen Gange gehüllt) über den Seidenrock, worauf die „Raziwulka"*) bzw. im Winter der sabbatliche Pelz umgelegt wird**). In feierlichem Zuge wird nun der Bräutigam, zu beiden Seiten die Unterführer, die wie die meisten begleitenden Männer brennende Kerzen in der Hand tragen, zur Chupe geführt. Kaum wird der Bräutigam sichtbar, als der Badchen feierlich und laut ver- *) Siehe den Abschnitt „Die Tracht". •*) Der früher allgemein übliche, sehr alte Brauch, dem Bräutigam bei dieser Gelegenheit auf die Stirne Asche, zur Erinnerung an die Zerstörung Jerusalems zu schütten (Schulchan Aruch: Eben Haeser 65/4) ist jetzt seltener geworden. Diese Erinnerung soll durch das Zerstampfen des Glases durch den Bräutigam mit dem Fuße unter der Chupe ausgedrückt werden (Glosse des „Ramu", R. Moses Isserls, zu obgenanntem Paragraphen des Schulchan Aruch wie auch die Erläuterung dazu vom Kommentare „Pitche Tschubah"). Ich vermute aber beim Brauch des „Glas-Zerstampfens" noch einen anderen Hintergrund. Siehe die nächste Anmerkung.