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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5 · p. 219

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 5
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1918-01-01
Page
219 (sequence 1)
Language
German
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Samuel Rappaport: Aus dem religiösen Leben der Ostjuden 219 AUS DEM RELIGIÖSEN LEBEN DER OST JUDEN III. Ehe 3. Hochzeit (Schluß) Die Braut sitzt von lustigen und munter tanzenden Mädchen umgeben. Im Saale des Bräutigams ist die Stimmung von angenehmer Unterhaltung gehoben. Nun kommt ein jäher und plötzlicher Umschwung. Der hellen Freudigkeit folgt ein tiefer düsterer Ernst. Es beginnt das sogenannte „Kallebesingen". Sämtliche Frauen und Mädchen umringen die auf einem erhöhten gepolsterten Stuhl sitzende Braut. Das Haar wird ihr am Rücken von der Mutter auseinandergekämmt und mit einem Seidenband zusammengebunden. Der Badchen tritt vor die Braut und beginnt das „Kallebesingen". In melodiösem weinerlichem Ton berichtet er über die wichtigsten Ereignisse ihres bisherigen Lebens. Er führt ihr die schöne glückliche Welt vor Augen, in die sie nun zu treten im Begriff ist, schildert ihr aber auch gleichzeitig die große schwere Aufgabe, die sie, die Gattin und künftige Mutter, als echte, „jüdische Tochter" erwartet. Er malt ihr die möglichen Gefahren, Leiden und unvorhergesehenen Schicksalsfälle aus, und ermahnt sie in Hoffnung und liebevoller Ergebenheit, in Treue und Hingebung in allen Lagen des Lebens an der Seite ihres Gatten auszuharren. Das Menschenleben sei nicht auf Rosen, gebettet, am allerwenigsten das Leben des Juden, das stets von allerlei Leiden und Plagen begleitet sei. Doch vermögen sie nichts über einen Mann, wenn in dessen Hause eine liebevolle Gattin waltet.*) An diesem entscheidenden Tage im Leben der Braut eilen ihre toten Ahnen bezw. Vater und Mutter (wenn sie nicht mehr am Leben sind) zum Throne des Allmächtigen, um Verzeihung für alle ihre Sünden bittend und den Segen des Höchsten für sie erflehend. Ein heftiges Weinen bemächtigt sich aller Frauen und vor allem der Braut beim wehmütigen Rezitieren dieser Verse, wobei immerfort die Klesmer und hauptsächlich die Zimbel mit einem Mollakkord einfallen. Vornehmlich wenn eines der Eltern oder gar Vater und Mutter nicht mehr am Leben sind, bricht ein Jammern aus, bei dem kein Auge trocken bleibt. Hierauf schlägt der Badchen wieder in einen frohen hoffnungsvollen Ton um: die Tränen und das Weinen habe Gott erhört, die Braut werde sich mit ihrem „Siwug" glücklich »altern bis hundert und zwanzig Jahren"; worauf er sich mit der Musik zum >,Chussenbesingen" zum Bräutigam begibt. Das Chussenbesingen ist mehr oder weniger desselben Inhalts, nur werden hier eben die Person und das Leben des Bräutigams behandelt, wobei der männlichen Gesellschaft entsprechend viele biblische und talmudische Wendungen und Zitate eingeflochten werden. Nach dem Besingen des „Chussen" fordert der Badchen diesen zum „Kallebedecken" in feierlicher Weise auf. Das „Kallebedecken" ist eine Reminiszenz an die biblische Mitteilung, wonach die Stammutter Rebekka ihr Gesicht in Keuschheit mit einem Schleier verhüllte, als sie ihrem für sie bestimmten Ehegatten Isaak zum ersten Mal *) Motive von einem „Kalle-Besingen" hat Warschawski in der bekannten Liedersammlung, unter demselben Titel, in einem Liede benützt.

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