Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Altes und junges Judentum
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 216 (sequence 6)
- Language
- German
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2l6 Arthur Joel: miker, begeisterungsfähig, voll der besten Absicht und des festesten Willens, wissen keine andere Form ihres neuen jüdischen Lebens, als den althergebrachten deutsch-studentischen Komment, dem sie durch einige „Erleichterungen" und jüdischen Unterricht umsonst ein jüdisches Gepräge zu geben versuchen; wissen ihre jüdische Ehre nicht besser zu verteidigen, ihre Ehrhaftigkeit nicht besser aller Welt zu erweisen, als durch die Annahme des fragwürdigen Begriffs der studentischen Honorigkeit und seiner praktischen Folgerungen. In dieses Bett wird immer noch ein reicher Kraftstrom gezwängt, und wenige im K. J. V. scheinen zu wissen, wie hart ein wirklich jüdisch empfindender Mann schon vor vielen Jahren dieser Rehabilitierung der jüdischen Ehre das Urteil gesprochen hat: „Ich brauche nicht zu erläutern, wie sehr diese Handlungsweise den Grundlagen unserer nationalen Ethik widerspricht, d. h. nicht nur den religiösen Gesetzen, sondern auch dem innersten moralischen Empfinden, das in unserm Herzen lebt. Abgesehen von einigen Gelehrten und Schriftstellern, konnten sich bis heute sämtliche Völker Europas noch nicht von der groben Auffassung lossagen, daß der Schimpf, den andere uns antun, unbedingt mit Blut gelöscht werden müsse. Doch der wirkliche Jude, dessen Herz durch die nationale Ethik bewegt wird, weiß und fühlt im Innersten, daß eine jahrtausendalte Kultur ihn weit, weit hinaushebt über solch wildes Gebaren, das Nachbleibsel der Dummheit und Grausamkeit frühester Zeiten, und sein Ehrgefühl wird durch die Beschimpfung durch irgend einen Dummkopf auch nicht im geringsten angetastet oder verletzt; er antwortet ihm mit einem verächtlichen Wort und geht seiner Wege... Kann noch jemand als zu seinem Volke gehörig [leumi] betrachtet werden, wenn er von dem Geiste seines Volkes schon so fern ist, daß er selbst dann, wenn er seinem Volke gegenüber seine moralische Pflicht treu erfüllen will, sich von den Gefühlen eines fremden Volkes leiten läßt und ihm seine Seele ausliefert, ohne überhaupt zu merken, daß er sich damit an dem Geiste desjenigen Volkes versündigt, in dessen Namen er spricht?"*) 7- Sind Torah und Abodah die Stützen von Judentum und jüdischer Erziehung, so ist ,Zion( deren Schibolet, deren kennzeichnendes Merkmal. Von der uralten Klage: „Wie sollen wir Gottes Lied auf fremden Boden singen?" bis zu Jehuda Halevis Ausruf: „Mein Herz ist im Osten und ich bin im Westen! Wie soll mir munden, was hier ich verzehre?" von seinem Kusari bis in unsere Zeit, wo einer der ostjüdischen Führer den Misrachi-Gedanken damit begründete, daß der Strom des Galutlebens gegen das Judentum gerichtet sei, hat man empfunden und eingesehen, daß unser Volk dem Untergang geweiht ist, wenn nicht sein Geist gerettet wird, um auf dem Boden der Väter seine Wiederbelebung zu vollziehen. War der Ausdruck dieses Gedankens noch so verschieden, so blieb doch sein Inhalt der gleiche. Er gehört so organisch zum Galutjudentum schlechthin, daß nur "stärkste geistige und materielle Einflüsse es vermochten, ihn daraus zu entfernen; er ist der Turm, ohne den unser Gebäude ein Torso bleibt. Und doch ist davon trotz aller Gebete, in denen man morgens, nachmittags und abends, nach dem Essen und sonstwann Gott bittet, unsere Zerstreuten zu sammeln, das auf unserem Halse lastende Joch zu zerbrechen, uns in Wohlbefinden und aufrecht in unser Land zu führen, und ein neues Licht *) Achad Haam, AI Paraschat Derachim II, 87, 88.