Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Altes und junges Judentum
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 214 (sequence 4)
- Language
- German
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214 Arthur Joel: von Erlaubt und Unerlaubt zurechtfinden, wenn man sich nicht Tag und Nacht mit der Lehre beschäftigte? Wahr ist freilich, daß in der praktischen Befolgung des Satzes: „Ein Dummer kann nicht die Sünde meiden, und ein Ungebildeter kann nicht fromm sein" ein Überwuchern der Vernunft, . eine Aristokratie der Gelehrsamkeit herangezüchtet wurde, die schließlich als Reaktion darauf den Chassidismus erzeugte; wahr ist ferner, daß bei dieser Hypertrophie des jüdischen Kopfes das jüdische Herz atrophisch wurde, daß das lebendige, unmittelbare Empfinden für das, was jüdisch sei und nichtjüdisch, schwinden mußte, seit man sich bei allen Entscheidungen an die gleiche Instanz wandte; zugegeben auch, daß die Unterrichtsmethoden, soweit solche überhaupt vorhanden sind, oft kläglich sind und die Einsicht von Lehrer und Schüler in den Wert und das Wesen des zu Lernenden oft minimal ist — so bleibt doch die Tatsache bestehen, daß auch in Deutschland der in einem altjüdischen Hause erzogene sechsjährige Knabe eine Sprache lesen kann, die von der Äußerlichkeit ihrer Schriftrichtung bis in das Innerste ihres grammatischen Aufbaues hinein ungefähr in allem den europäischen Sprachen entgegengesetzt ist. Darin hat das junge Judentum noch ein großes Arbeitsfeld vor sich; es will zum Teil nicht einsehen, daß Übersetzungen nicht nur die Form, sondern auch den Sinn verderben, und daß wir uns unsre geistigen Güter nur in ihrer Ursprache zu wahrem Eigentum machen können. Auch die „organisierten" Teile des jungen Judentums haben darin im großen Ganzen noch recht bescheidene Leistungen aufzuweisen; und bei manchen tritt zu dem Mangel an Eifer noch der Mangel an Einsicht hinzu, indem sie glauben, schon sehr viel zu tun, wenn sie jede Woche eine Lektion „Hebräisch*4 lernen. Um so erfreulicher und um so wichtiger ist dagegen das konsequente, fast fanatische Bemühen Einzelner um eine „Hebraisterung" der jüdischen Jugend. 5- Es ist fraglich, wie weit überhaupt der Einfluß der Erziehung reicht, und ob nicht letzten Endes ganz andre Faktoren erforderlich sind, aus dem Zögling -ein Individuum zu machen; sicher scheint aber, daß die Erziehung, wenn sie überhaupt wirksam sein will, sich nicht allein auf theoretische Unterweisung — und sei sie noch so gründlich! — beschränken darf, sondern daneben und besonders durch persönliches Beispiel zur Nachahmung anfeuern muß: zur Torah tritt die Abodah. Judentum will nicht nur erkannt, sondern auch gelebt werden; nicht an einzelnen Abenden, wo ein besonderer Anlaß einen Haufen Menschen in einem Bet- oder Versammlungslokal zusammenführt, sondern Ständig, an Werk- und Feiertagen. Auch hier ist kein Zweifel, daß das gesetzestreue Judentum dem jungen erheblich überlegen ist; so überlegen, wie eben der Besitzende dem Suchenden gegenüber ist: nämlich aktuell, durchaus nicht immer potentiell. Denn das gesetzestreue Judentum hat streng jüdische Lebensformen; Formen, die das Handeln des Menschen stets umschließen, ihnen das eigene jüdische Gepräge zugeben; Formen, an die der gesetzestreue Jude gebunden ist, wenn er im Hause sitzt, wenn er auf dem Wege geht, wenn er sich niederlegt, und wenn er aufsteht. Mag man über den Wert dieser Formen noch so sehr streiten (nebenbei sei bemerkt, daß sie von innen stets anders aussehen als von außen!), so bleibt doch sicher, daß es dem gesetzestreuen Judentum gelingt, durch die Kraft des Beispiels und der persönlichen Hingabe diese Lebensformen von Geschlecht zu Geschlecht weiter zu vererben — und mit ihnen das Juden-