Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zum Problem des wirtschaftlichen Antriebs
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 210 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101143-3103475--2530-3103507- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
210 Felix Weltsch: Zum Problem des wirtschaftlichen Antriebs aus höchster Spannung kann der Funke des geistigen Willens kommen; verringert man nicht die Spannung, indem man Hindernisse beseitigt und Wege bahnt? Verzettelt nicht gerade diese kleine Geschäftigkeit der willenslogischen Predigt, der Debatten und Reden die Spannungsmöglichkeit? Ja, ist nicht überhaupt die Ansicht, daß die Eitelkeit schon ein Schritt zur Höhe ist, eine lähmende Beruhigung, ein gefährlicher Trost? Antwort: die Hindernisse, die hier beseitigt werden sollen, sind keine solchen, welche die Spannung erhöhen, sondern solche, welche sie verringern. Nicht von entgegengetürmten Felsblöcken soll der Weg gereinigt werden, sondern von verlockenden Abflüssen, die ins Chaos führen, von tückischen Seitenpfaden, die ins Leere gehen. Also nicht Steigerungen der Spannung, sondern Entspannungen soll man verhüten. So ist es auch mit der Eitelkeit. Die Erkenntnis, daß sie ein Ausweg aus den Banden der Materie ist, daß darin eine Möglichkeit, zur Religiosität zu gelangen, gegeben ist, darf unsere Verzweiflung nicht verringern, sondern nur erhöhen. Denn mit dieser bloßen Möglichkeit ist in aller Ewigkeit nichts getan, wenn der Wille nicht Wirklichkeit schafft; und durch das bloße „Schaffen-können" schafft er sie noch nicht. Gerade in dieser Synthese von theoretischer Möglichkeit und praktischer Unsicherheit ist die ganze Schwere der Situation enthalten. Dieses Gefühl, daß bei aller theoretischen Möglichkeit doch nichts geschieht, daß diese Möglichkeit geringer wird, je langsamer man sie zur Wirklichkeit macht, daß wir das Paradies erlangen und es doch trotz aller Möglichkeit verscherzen können, ist viel fürchterlicher, als wenn es uns ewig verschlossen wäre, in demselben Maße, als die Eitelkeit ärgere Verderbnis ist als die Sinnlichkeit! So bleibt uns nichts übrig, als die verzweifelte Betrachtung der Verirrung, die in der Eitelkeit beschlossen ist. Und gerade aus der tragischen Erschütterung über diesen Abfall entsteht die Spannung, die dem Willen schöpferische Kräfte verleihen kann. So ist es auch mit der Wirkung dessen, was wir hier die willenslogische Predigt genannt haben. Auch in ihr sehen wir eine Synthese des kleinen Wollens mit dem Bewußtsein der Verzweiflung, die nicht entspannend, sondern ladend wirkt. Gewiß, es kann nicht oft genug wiederholt werden: Reden ist nicht Tun? Propaganda ist noch keine Revolution; kleines Wollen ist eben nicht großes Wollen. Aber es heißt, das Kind mit dem Bade ausschütten, wenn man deshalb auch das kleine Wollen und alles ihm Analoge verwerfen will; es ist ein Irrtum, zu glauben, daß die Spannung immer mächtiger wird, wenn gar nichts geschieht; zu glauben, daß die Krise größer und fruchtbarer wird, wenn sie, nicht vorbereitet durch kleines Wollen, plötzlich und von selbst hereinbricht. Sie kommt nicht, wenn nicht einmal unsere kleinen Willenskräfte nach ihr gerichtet sind. Der Funke springt nur aus der geladenen Materie, und wir haben kein anderes Mittel zu laden, als unseren kleinen Willen. Wir sehen den blutigen Tanz ums goldene Kalb: es stehen keine göttlichen Gesetzestafeln zu Gebote, die zertrümmert werden könnten. Es ist auch kein Moses zu sehen, der dies vermöchte; und doch ist die Rettung nicht bloß von einer neuen Organisation unserer Gemeinschaft, nicht bloß von einer technischen Änderung unserer wirtschaftlichen Verhältnisse, sondern nur von einem vollkommenen Seelenumschwung zu erhoffen. Er wird nicht kommen, wenn wir