Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Zum Problem des wirtschaftlichen Antriebs
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 208 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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208 Felix Weltsch: Unsere zwei Fälle — die Sicherungstendenz und die Eitelkeit — sind Verletzungen der Willenslogik. Und gerade darauf hinzuweisen, ist die Absicht dieser Zeilen. Es handelt sich hier nicht etwa darum, in einem Aufsatze eine vollkommene Analyse des kapitalistischen Geistes zu geben: dieses Thema ist ja in den letzten Jahren von verschiedenen Forschern mit aller wissenschaftlichen Gründlichkeit bearbeitet worden; noch darum, in der Aufzählung der kapitalistischen Antriebe vollständig zu sein: Ist ja, um nur dies eine hervorzuheben, nicht nur romantische Abenteuer- und Unternehmungslust, sondern auch jener hochwertige Antrieb unberücksichtigt geblieben, der gerade in den genialen Fällen kapitalistischer Leistung wirksam ist, die eminent positive, nicht mechanische, reine Schöpferkraft, die wahrhaft um des Werkes willen schafft und die nur kapitalistisch und technisch denkt, weil sie eben dieses Material vorfindet und nicht die Richtung hat, es zu ändern; doch ist dieser Antrieb in dieser seiner trotz der willenslogischen Anfechtbarkeit gesunden, unmechanisierten Form viel zu selten, viel zu sehr Ausnahmefall, als daß man in ihm das Wesen des kapitalistischen Geistes finden könnte; — sondern es handelt sich hier eben darum, zu zeigen, daß sich die wichtigsten durchschnittlichen, allgemeinen Antriebe unserer Wirtschaft als Irrwege des Willens aufzeigen lassen; ja noch mehr: als Selbstaufhebungen eines ursprünglich berechtigten Willens. Denn im Grunde ist ein bestimmter Wille, wenn er die Willenslogik verletzt, von sich selbst abgefallen, unwirklich geworden. Diese Selbsterniedrigung des Willens ist darauf zurückzuführen, daß die Kraft des Willensimpulses, der Impetus, der „Eifer" nicht stark genug ist, um sich den Weg durch das Chaos zu bahnen; um alle drohenden Abwege zu vermeiden, alle Hindernisse zu überwinden. So ergeben sich zur Rettung von selbst zwei Möglichkeiten: 1. den Weg zu bereiten, die Hindernisse zu entfernen, Abwege zu verhüten. 2. den Impetus zu steigern. Gewiß ist nun die Willens-Aufklärung, das Aufdecken der willenslogischen Verirrungen geeignet, den richtigen Weg zu bereiten. Aber wie wenig bedeutet hier der Weg, wenn die Kraft fehlt! Es ist ja ganz gut, wenn der Strom des Willens sein Bett bereitet findet, damit er sich nicht an Hindernissen mattschlage oder in falschen Abflüssen zerstreue. Aber was nützt das Bett, wenn der Strom nicht kommt? Und kann man diesen herbeilocken, wenn man nur sein Bett bereitet? Das ist eine Frage, die mit nein zu beantworten sehr auf der Hand liegt. Was vermögen Worte gegenüber der Urkraft oder der Ohnmacht des Willens? Und, um an unser Thema zu denken, man braucht sich nur die komische Situation vorzustellen, wenn man einem Groß-Unternehmer erklären wollte, daß er etwas anderes wolle, als er „eigentlich" wolle, oder wenn man eine mondäne Dame in ähnlicher Weise von ihren luxuriösen Bedürfnissen heilen wollte. Das gibt nur ein Gelächter! Die ausgefahrenen, fest verankerten Geleise ihres täglichen Strebens, in denen Stücke echten Willens mit mechanisch erstarrten Tendenzen und dumpfen Instinkten eng verwoben sind, lassen sich mit ein paar Worten nicht auseinanderreißen. Nur Katastrophen, Sturm und Erdbeben, scheint es, vermögen die hohle Sicherheit zu zerstören. Nur aus ungeheuren Spannungen und Er-