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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5 · p. 207

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 5
Article
Zum Problem des wirtschaftlichen Antriebs
Date
1918-01-01
Page
207 (sequence 6)
Language
German
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Zum Problem des wirtschaftlichen Antriebs 207 wird. Man hat kein äußerstes Sein, wenn man nur ein reiches oder ein schönes, aber nicht ein Gott-verwirklichendes Individuum ist. So führen alle Richtungen der Eitelkeit, wenn man sie konsequent bis zu Ende geht und nicht krankhaft verkümmern läßt, zum selben Resultat; zur religiösen Sittlichkeit. Man will nur dann genug, wenn man das Äußerste will. Der Eitle ist auf dem Wege zu Gott, aber er will nicht das Äußerste, darum ist er der wahrhaft Sündhafte, viel Verruchter als der von sinnlichen Begierden Getriebene. Denn er ist aus dem Tor der Materie herausgetreten und hat seine Freiheit mißbraucht. Eitelkeit ist der wahre Abfall, der Abfall von Gott zum Ich. Und doch ist das Phänomen der Eitelkeit eine Hoffnung; selbst wenn man davon absieht, daß Eitelkeit einer der Ansätze zur Sittlichkeit ist, ist sie uns doch immer ein großes Beispiel, was ein Antrieb vermag, der bereits jenseits der primitiven sinnlichen Begierden und Instinkte, und doch nicht bloße mechanische Tendenz, sondern schon ein freier, wenn auch noch so verderbter Akt ist. Hier ist eine Kraft, die imstande ist, das Antriebs-Plus, das eine gemeinsame Wirtschaft vom Einzelnen verlangt, in vollem Maße zu erzeugen. Und man kann nun fragen: wenn die Eitelkeit — die verzerrte Religiosität — so wirken kann, könnte es nicht auch die wahre Religiosität vermögen? Es gibt keinen Grund, dies theoretisch zu verneinen. Es bleibt nur die viel wichtigere Frage: wie kann man Eitelkeit in Frömmigkeit verwandeln? Wie kann man den verwachsenen Willen aufgraden? Und wieder scheint's: man brauchte es ja bloß zu sagen; die Urrichtung des die Eitelkeit erzeugenden Willens aufzeigen; den Unsinn der Eitelkeit aufdecken! Man möchte dem Menschen zurufen: Wenn du schon etwas willst, so wolle es doch wirklich und ganz! So entsteht hier dieselbe Frage wie bei der Beurteilung der Sicherungstendenz als Wirtschaftsantrieb. Kann die Entfaltung des wahren Sinnes des Willens, dort der Sinnlosigkeit der Sicherungstendenz, hier der Unsinnigkeit der Eitelkeit etwas nützen? * Der menschliche Wille hat eine innere Logik. Es gehört zum Wesen dieses Willens, sinnvoll zu wollen. Diese Willenslogik ist nicht rationalistisches Mißverstehen oder intellektualistische Fälschung des Willens, sie läßt sich keineswegs in Verstandeslogik auflösen, ist kein künstliches Zusammenschweißen von Wille und ratio, sondern sie ist im Wesen des menschlichen, geistigen Willens begründet, ist die höchste und vollendete, eben erst den Willen schaffende, unauflösliche, ganz eins gewordene Synthese aus Trieb und Einheit, Streben und Sinn. In ihr äußert sich die Tendenz des Willens nach Richtung, Selbstbehauptung und Wirklichkeit. Die Willenslogik ist von der Erkenntnislogik etwa so weit entfernt, als der Satz: wenn ich A will, ist es willensunsinnig, gleichzeitig Nicht-A zu wollen — vom Satz: wenn ich A will, ist es unmöglich, gleichzeitig A nicht zu wollen. So wie sich der erste Satz nie aus dem zweiten ableiten läßt, so läßt sich die Willenslogik nie auf die Verstandeslogik zurückführen. Sie hat ein Element in sich, das der Verstandeslogik vollkommen fremd ist.

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