Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5 · p. 206

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 5
Article
Zum Problem des wirtschaftlichen Antriebs
Date
1918-01-01
Page
206 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101143-3103475--2526-3103503
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

20 6 Felix Weltsch: darf sein Einfluß im Kapitalismus nicht unterschätzt werden; es gibt doch der rein mechanischen Sicherungstendenz immer wieder lebendige kleine Stöße und versorgt so diesen anorganischen Antrieb mit dem Minimum an Leben, das er nun doch notwendig hat, um seine rätselhafte Kraft zu erhalten. Ich glaube nun: So widerlich die Eitelkeit ist, so ist sie doch schon ein Schritt aus der Physik und der Physiologie heraus. Von dieser Eitelkeit gibt es bereits einen graden Weg zur höchsten Sittlichkeit. Denn die Eitelkeit ist nichts als eine ungeheuerliche Inkonsequenz. Ihre Wurzel ist: das Bestreben, etwas zu bedeuten. Ihr tiefster Sinn — er läßt sich nur ganz allgemein bildhaft ausdrücken —: der Wille nach oben, nach mehr, nach größerer Wirklichkeit — das alles aber in kläglicher Ausführung. Ich schreibe hier keine Apologie der Eitelkeit. Ich weiß, daß der Egoismus der Eitelkeit eine weit furchtbarere Menschheitsgefahr ist als der materialistische Egoismus. Denn er ist die Sünde der Höheren, der Fortgeschrittenen, derjenigen, die den Materialismus überwunden haben. Man braucht nur den Antrieben von Herrschenden und Feldherren, von Gelehrten und Künstlern ein wenig nachzuspüren, ja, man braucht nur mit einiger Unerschrockenheit in sich selbst zu steigen, um zu sehen, was für eine Rolle dieser Teufel spielt, der viel stärker, feiner und raffinierter ist, als der materialistische. Aber trotzdem: vermag man den verzerrten Sinn der Eitelkeit ein wenig zu klären, packt man diese Krankheit an ihrer noch gesunden Wurzel, so findet man eben jenes Verlangen nach einem Sein, das über das Gegebene hinausgeht, jenes allgemeinste von der menschlichen Seele errungene Streben nach oben, das uns den Weg aus den natürlichen Notwendigkeiten zu eröffnen vermag und bis in die tiefste Religiosität führen kann, wenn man nur eben die Richtung kräftig zu Ende geht; wenn man nicht vorzeitig abbricht oder am Wege liegen bleibt. Und nicht nur die gewöhnliche Eitelkeit in allen ihren Abarten ist ein solcher Irrweg dieser guten Urrichtung; eine moderne Lehre der Psychiatrie (Alfred Adler) erblickt gerade in diesem sich verirrenden Streben nach oben auch die Quelle der Nervosität und Hysterie. In der inneren Bewegung der Eitelkeit findet man also eine hochwertige Intention, aber verkümmert, mutlos, beschränkt, sich selbst widersprechend. Ich will etwas bedeuten — das ist der Anfang. Gehe ich aber sinngemäß vor, wenn ich dieses Ziel etwa dadurch erreichen will, daß ich mich bemühe, möglichst viel genannt zu werden? Man ist eben nicht eitel genug, wenn man sein Sein dadurch erhöhen will, daß man Diamanten von beiden Ohren hinunterhängen läßt oder eine dicke Uhrkette um den Bauch windet. Man ist zu bescheiden, wenn man die Leute, in deren Augen man gelten will, nicht wählt, sondern bloß zählt. Man will nicht genug, wenn man nur grundlos, zufällig, subjektiv mehr gelten will und nicht auch« objektiv mehr leisten, mehr sein will: wenn es nur auf den Schein ankommt, und nicht auf die Realität! Man will seinen eigenen Willen nicht ganz, wenn man nur sein zufälliges isoliertes Ich erhöhen will und nicht das Ganze, dessen Teile wir sind, von dessen Gelten unser Gelten in erster und überwiegender Weise abhängt, das Volk, die Menschheit, — Gott! Wir haben keinen Sinn, wenn nicht Gott Sinn hat! Wir können unser Sein nicht erhöhen, wenn nicht Gott, das Höchste, was wir denken und wollen können, verwirklicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.