Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5 · p. 205

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 5
Article
Zum Problem des wirtschaftlichen Antriebs
Date
1918-01-01
Page
205 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101143-3103475--2525-3103502
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zum Problem des wirtschaftlichen Antriebs 205 Verwandt mit diesen mechanischen Antrieben, sehr eingreifend und verhältnismäßig am tiefsten gegründet ist die ganz allgemeine Liebe zum Geld um seiner wesentlichsten Eigenschaft, seiner Relativität willen. Um Geld kann ich alles Mögliche haben, von sinnlicher Lust angefangen bis zum Wohltun; erwerbe ich also Geld, so gewinne ich die Möglichkeit, alles Mögliche zu erlangen, ohne mich für etwas Bestimmtes entscheiden zu müssen. Ich behalte mir einen endgültigen Willen vor. Wer Geld hat, hat alle Richtungen in der Hand und kann darauf verzichten, eine Richtung zu haben. Das scheint ja auf den ersten Moment wirklich plausibel; und doch ist es nichts anderes, alseine einfache Umkehrung der Sicherungstendenz. Wie diese sich gegen alle möglichen Gefahren schützen will, so will jene Tendenz alles Mögliche gewinnen und ist nicht weniger sinnlos als diese. Es ist die Richtungslosigkeit zum Prinzip erhoben, die Verabsolutierung der Relativität, also schon darum widersinnig. Wenn ich ewig nur alle Möglichkeiten haben will und die Wirklichkeit ewig hinausschiebe, dann sind „alle Möglichkeiten" „keine Möglichkeit". Denn die Möglichkeit alles Möglichen, das Offenhalten aller Richtungen hat nur dann einen Sinn, wenn ich ein Mögliches zum Wirklichen mache, wenn ich mich für eine Richtung entscheide, d.h. also, wenn ich diese unbestimmte Möglichkeit aufhebe, wenn ich die bloße Relativität zerstöre; damit aber habe ich diesen Trieb nach Geld als nach der Möglichkeit alles Möglichen aufgehoben und erledigt. Er ist als ständiger Antrieb in sich selbst widersprechend und sinnlos. * Gibt es einen Ausweg aus allen diesen verhängnisvollen Sackgassen? Das einfachsle wäre: die Sinnlosigkeit dieses Treibens aufzudecken, unermüdlich hinauszuschreien: es ist ja nicht möglich, daß die Menschheit einer Tendenz, die weder vital noch geistig gegründet ist und in sich die verrücktesten Absurditäten enthält, unwiederbringlich zum Opfer fällt! Und doch, kann das etwas nützen? Hat Aufklärung je genützt? Ist das nicht eine allzu rationalistisch-naive Hilfe? Kehren wir, bevor wir diese Frage beantworten, noch einmal zum Problem des Antriebs zurück. Die Sicherungstendenz allein genügt nicht, um das kapitalistisch-materialistische Treiben zu erklären. Betrachtet man die Ziele der heutigen kapitalistisch verstrickten Gesellschaft, so wirken da noch andere Kräfte als das bloße Bedürfnis, zu sichern und für die Zukunft zu sorgen. Es gibt auch ein positives materialistisches Ideal, das nicht einfach auf die vitalen Triebe zurückgeführt werden kann. Merkwürdig genug läßt sich dieses positive Ideal am besten durch Zahlen und Quantitäten ausdrücken. 60-Pferdekräftige Automobile, 10-Zimmerwohnungen, haselnußgroße Diamanten, erbsengroße Perlen; auf etwas höherem Niveau: viele heherrschen, von vielen bewundert, beneidet sein; allgemein gefaßt: man will gefallen, berühmt sein, gelten, etwas bedeuten, etwas sein; ob dies nun auf dem primitiven Weg eines möglichst großen Diamanten, oder auf dem schon komplizierteren gesellschaftlichen Glanzes, politischen Einflusses, finanzieller Macht oder geistiger Überlegenheit erzielt wird. Es ist die — Eitelkeit im weitesten Sinne. Das ist nun freilich kein kapitalistischer Antrieb mehr. Das ist ein allgemeinstes menschliches Streben mit viel größerem Wirkungskreis. Trotzdem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.