Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5 · p. 204

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 5
Article
Zum Problem des wirtschaftlichen Antriebs
Date
1918-01-01
Page
204 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101143-3103475--2524-3103501
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

204 Felix Weltsch: Diese ganze Frage ist ein urjüdisches Problem. Gott als positiver Antrieb für jede noch so irdische Handlung ist die jüdische Position par excellence; sie ist weder im Geiste einer pessimistisch-orientalischen, noch sonst einer nichtmonotheistischen Religion möglich; sie widerspricht vor allem auch dem Geiste des Christentums, das zwischen dem Reiche Gottes und dieser Welt eine reinliche Scheidung vollzieht und darauf verzichtet, Gott in irdischem Handeln zu verwirklichen. Darum konnte auch das Christentum das „Gesetz" abschaffen, welches eben nichts ist, als ein Versuch, die innere Verbindung von Gott und irdischem Handeln herzustellen; ein Versuch, der heute nicht mehr gelingt, weil Gotteserlebnis sowie irdisches Handeln andere Formen angenommen haben, und der nie gelingen kann, wenn das Gesetz als bloße „Vorschrift" übernommen wird. Das Christentum kann darauf verzichten, den kapitalistischen Geist auszurotten; ja, er ist ihm geradezu eine Bestätigung; es kann ihn in seinem Sinne harmonisch empfinden. Das Judentum kann ihn aus seinem Geiste nur tragisch erleben, und es ist das tiefste Symptom seines Verfalles, wenn ein Volk, dessen religiöses Ziel Selbstheiligung auf Erden ist, nicht ganz mit Unrecht als Mitschöpfer des kapitalistischen Geistes hingestellt werden darf. * Oberflächlich betrachtet scheint der egoistisch-materialistische Antrieb der heutigen kapitalistischen Wirtschaft im Grunde auf vitale Notwendigkeiten zurückzugehen. In Wahrheit ist das falsch. Nicht Hunger und Liebe halten das wirtschaftliche Getriebe zusammen. Nur sehr schwer ließe sich der Impetus eines kapitalistischen Unternehmers auf diese beiden naiven Triebe zurückführen. Diese Vorstellung wirkt geradezu humoristisch. Wohl mögen diese Triebe in den Gestalten ihrer höchsten Verfeinerung und Kultur ohne kapitalistisches Milieu nicht denkbar sein; sie sind doch nicht tragfähig genug, um — als Antrieb — unser modern-europäisches Erwerbsleben erklären zu können. Es stehen andere Kräfte dahinter. Vor allem etwas, das man allgemein als Sicherungstendenz bezeichnen kann. Man arbeitet, damit man nicht nur selbst ein für allemal „gesichert" sei, sondern um schon heute auch die Bedürfnisse von Kindern und Kindeskindern in reichster Weise zu sichern, damit man gegen alle erdenklichen Gefahren von vornherein möglichst gut gewappnet sei. Diese Sicherungstendenz, in ihren Anfängen gewiß nicht ohne Sinn, hat die Merkwürdigkeit, aus einem vital begründeten Antrieb zu einer vollkommen lebensfeindlichen, geradezu physikalischen Kraft auszuarten. Wer sich dieser Sicherungstendenz ergibt, verwandelt seine lebendigen Kräfte in einen herz- und sinnlosen, toten, anorganischen Apparat. Wo bleiben da Leben und Bedürfnisse, die gesichert werden sollen? Die Sicherungstendenz — man wagt kaum, sie „Trieb4* zu nennen — stampft sie selbst zu Tode. Sie ist ein Götze, der kein Leben neben sich duldet. Dieses wahnsinnige Perpetuum mobile zieht noch andere mechanische Geschwister an. Das automatische Arbeiten aus Trägheit, weil man „einmal darin ist", und die mechanische Schaffenslust, die Tätigkeit um der Tätigkeit willen, ohne echtes Objekt, ohne Wahl, ohne Richtung. Alle diese Antriebe sind — trotz ihrer Wirksamkeit — unwirklich, unlebendig und durchaus sinnlos. Die mechanisierte Sicherungstendenz sichert ja nicht mehr, sondern vernichtet das zu Sichernde, der mechanische Tätigkeitsdrang hat kein wahres Ziel, ist richtungsloseste, unfreieste Beschäftigung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.