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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5 · p. 203

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 5
Article
Zum Problem des wirtschaftlichen Antriebs
Date
1918-01-01
Page
203 (sequence 2)
Language
German
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Zum Problem des wirtschaftlichen Antriebs 203 Und da tut sich das Problem auf: Stürzt die gemeinsame Lebens- und Ernährungsmöglichkeit der Menschheit nicht zusammen, wenn ihr diese Grundsäule weggezogen wird? Ist Verantwortungsgefühl, guter Wille, Religiosität — oder was man sonst gern an die Stelle fürsorglichen Eigennutzes setzen möchte — fähig, Kraftantrieb für ein Wirtschaftssystem zu sein? Gibt es Kanäle, welche diese idealen Kraftquellen so weit zu leiten vermögen, daß sie den Einzelnen antreiben können, so viel an Erfindungsgabe, Risiko-Bereitschaft, persönlicher Tüchtigkeit, Schlauheit und Tatkraft zu erzeugen, als irgend eine Wirtschaftsgemeinschaft braucht? Vor dieser Frage sieht sich jeder Versuch, der eine Genesung der Mensch* heit in sozialer Hinsicht nicht von bloßen Eindämmungen des kapitalistischen. Geistes sondern von seiner gänzlichen Ausrottung erwartet, möge es nun ein sozialistisches, genossenschaftliches, kommunistisches oder anarchistisches System ein. Die Frage entsteht nicht nur, wenn man den Versuch macht, die kapitalistischen Errungenschaften des Großbetriebes, die Arbeits-Teilung und -Organisation mit Ausschaltung des kapitalistischen Geistes zu erhalten, sondern schon dort, wo man überhaupt an eine Gemeinsamkeit des ökonomischen Lebens denkt. Es handelt sich nicht darum, unsere äußerliche luxuriöse Herrschaft über die Natur um jeden Preis zu erhatten; aber man würde den Menschen in die ärgste Natur-Sklaverei zurückstoßen und die Möglichkeit von Kultur im tiefsten Sinne überhaupt vernichten, wollte man die Gemeinsamkeit der Wirtschaft, das Ineinandergreifen der Wirtschaftssubjekte aufheben und die Menschheit wirtschaftlich in einzelne Individuen oder ganz kleine Gruppen auflösen, die — ohne Zusammenhang mit den übrigen — für ihr Leben zu sorgen hätten. Eine jede solche gemeinsame Wirtschaft, mag sie nun noch so loser Art Art sein, verlangt mindestens, daß ein jeder in seiner wirtschaftlichen Arbeit ein gewisses Plus über sein persönliches Bedürfnis hinaus übernimmt. Das ist aber nicht ein Plus an berechenbarer Arbeitsleistung, sondern ein Plus an Antrieb. Die Summe aller Einzelantriebe, die zur Ernährung des Einzelnen ausreichen, ergibt nämlich für die Gemeinschaft ein Manko; die Gemeinschaft verlangt eben für sich ein Plus an Antrieb, das über den egoistischen Antrieb des Einzelnen hinausgeht Darum läßt sich auch dieses Plus nicht durch hierzu angestellte und bezahlte Individuen erzielen. Das würde nur die egoistisch notwendige Arbeit des Einzelnen erleichtern, das Manko aber würde bleiben. Eine solche Gemeinschaft ohne dieses Gemeinsamkeits-Plus, mit ständigem Manko ist beispielsweise die Bureaukratie, deren Arbeitsdefizit sich auch nie durch neueingestellte Kräfte wettmachen läßt. Denn Arbeitskräfte lassen sich wohl ersetzen, aber nicht der Arbeitsantrieb, der über das rein egoistische Maß hinausgeht. Der Bureaukrat arbeitet ein Minimum, das er den Verhältnissen erpreßt. Die Summe dieser Minima kann für die Gesamtleistung nie genügen. In unserer freien kapitalistischen Wirtschaft tritt dieses Manko nicht ein. Denn das Plus wird durch den kapitalistischen Geist, durch den Eigennutz mit allen seinen Derivaten geschaffen. Woher aber soll es in der eigennutzfreien Wirtschaft kommen? Kann man es von einem religiösen Antrieb erhoffen? *

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