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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 5 · p. 201

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 5
Article
Chronik
Date
1918-01-01
Page
201 (sequence 5)
Language
German
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Chronik 201 das jüdische Volk in seiner Stellung zu ihm so unsicher macht. Es ist mißtrauisch, nicht weil es die deutschen Staatsmänner für irgendwie böswilliger als die ententistischen hielte, sondern weil es das Gefühl hat, daß sie selbst keinen klaren Standpunkt in den großen jüdischen Fragen haben. Seit zwei Jahren blickt das gesamte Judentum mit intensiver Spannung auf die deutsche Ostjudenpolitik und weiß noch nicht, welcher Art diese Politik eigentlich ist. Kein klares Ziel, keine konsequente Richtlinie, keine Stetigkeit und Konsequenz ist wahrzunehmen, sondern ein Lavieren von Fall zu Fall, ein Schwanken und Zögern; und wenn schon einmal der Anfang einer klaren Orientierung gemacht zu werden scheint, wie in der Erklärung Falkenhausens in der litauischen Judenfrage, dann folgt unmittelbar darauf eine neue Wendung, die wieder die alte Unklarheit und Unsicherheit schafft. Es ist dies um so mehr zu bedauern, als kaum ein Staat heute auf Grund seiner strategischen und politischen Machtstellung so sehr in der Lage und dazu berufen wäre, sich die Sympathien des jüdischen Volkes zu sichern wie gerade Deutschland. Ein ganz großer Teil der Ostjudenheit lebt unter deutscher Herrschaft; in Rußland und der Ukraina hat Deutschland heute entscheidenden Einfluß. Zusammen mit Österreich-Ungarn vereinigt es in seiner Machtsphäre den größten Teil, den jüdisch wertvollsten. Teil des jüdischen Volkes. Eine klare Erfassung der Bedürfnisse und Ansprüche des Ostjudentums, ein wirkliches Verständnis für seine Lebensnotwendigkeiten und eine aufrichtige und klare Politik, die die Daseinsrechte des Ostjudentums sichern wollte, müßte Deutschland zu der eigentlichen Vormacht in allen jüdischen Fragen machen; und es ist, vom Jüdischen eigentlich schon ganz abgesehen, rein sachlich gewertet, ein kaum erträglicher Anblick, zu sehen, wie die deutschen Staatsmänner diese ganz außergewöhnliche politische Konstellation, die ihnen gestattet, in jüdischen Fragen einen entscheidenden Einfluß auszuüben und sich in der Seele des jüdischen Volkes dauernd zu verwurzeln, nicht nur ungenutzt lassen, sondern sie zu einer Ursache vielfacher Mißstimmungen und Gegnerschaft werden lassen. Und all dies infolge des Mangels einer wirklichen Einsicht in das innere Wesen der jüdischen Fragen im Kriege. Es ist dies das wichtigste, das entscheidende Moment, das die gleichgewichtige neutrale jüdische Haltung so sehr erschwert und zum Teil schon verschoben hat. Niemand bedauert dies mehr als das jüdische Volk, denn nichts will es stärker, intensiver, als neutral sein können, weil ihm sein innerer nationaler Instinkt sagt, daß es neutral sein muß. Und nichts empfindet es schmerzlicher, tragischer, als daß es sich durch eben denselben nationalen Instinkt genötigt sieht, das Gleichgewicht seiner neutralen Haltung zu verschieben und die Wagschale seiner Sympathien und Antipathien aus ihrer Balance zu bringen. Es wäre vielleicht dies der eigentliche Vorwurf, den die jüdische Volksseele den Zentralmächten machen könnte, daß sie sie nötigen, von ihrer neutralen Haltung abzugehen, und sie würde es ihnen nicht verzeihen, wenn sie sie zwingen würde, ententistisch zu werden. Noch ist es lange nicht so weit. Noch ist die Grundhaltung des jüdischen Volkes neutral. Es versteht die inneren Hemmungen, die die deutsche Politik hier zu überwinden hat, es hat auch Verständnis für die äußeren Schwierigkeiten, die Deutschland bei der Lösung der ostjüdischen Frage wie der Palästinafrage sich in den Weg stellen. Und es wartet. Es wartet seit zwei Jahren auf die Einleitung einer klaren großzügigen Ostjudenpolitik der deutschen Regierung;

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