Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 200 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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200 Amitai: allen politischen Tuns der schrankenlose nationale Egoismus ist (der in einer unerhörten Pervertierung der elementarsten moralischen Anschauungen fast legitimiert und zum „sacro egoismo" erhoben werden konnte). Kindisch wäre es, zu glauben, irgend einer der kriegführenden Staaten sei in dieser Hinsicht besser als der andere. Nicht dem Glauben an eine altruistische Gesinnung Englands dem jüdischen Volke gegenüber entspricht der größere politische Kredit, den es in der jüdischen öffentlichen Meinung besitzt, sondern dem Gefühl, daß es die Bedeutung des Judentums besser zu würdigen weiß, daß ihm an den Sympathien des jüdischen Volkes mehr gelegen ist, daß es um die Bundesgenossenschaft der Juden intensiver wirbt als die Zentralmächte. Es ist nicht etwa die bessere idealistische Gesinnung, die das jüdische Volk bei der Entente zu finden glaubt, sondern die bessere Einsicht, der klügere Egoismus, das feinere Verständnis für die Art, sich Helfer und Freunde zu suchen. Nirgends tritt diese Differenz zwischen den beiden Mächtegruppen deutlicher zutage als in den mannigfachen Erklärungen, in denen die einzelnen Staaten ihre Stellung zu den jüdischen politischen Fragen ausgesprochen haben. Es sei hier ganz von ihrem konkreten Gehalt abgesehen, der in allen prinzipiell derselbe ist. Was für die Wirkung der Erklärungen entscheidend war, für das Vertrauen, das man in sie jüdischerseits setzte, war ihre Form, der Ton, die Geste, die in ihnen zum Ausdruck kam. Die englischen waren kurz, knapp, großzügig, wuchtig und lebendig, die deutschen langatmig, verklausuliert, mit Vorbehalten und Reserven überlastet, fahl und blutarm. Der englischen Palästinaerklärung folgte unmittelbar die Entsendung der Palästinakommission, eine überaus wirkungsvolle Geste, die den Eindruck einer sofort beginnenden Einlösung der gegebenen Versprechungen machen mußte; den deutschen und türkischen Palästinaerklärungen folgte durch lange Monate hindurch nichts; und als vor kurzem die Türkei den ersten Schritt tat zu einer Verwirklichung ihrer Zusicherungen und die Vertreter jüdischer Organisationen nach Konstantinopel einlud, um mit ihnen über die Palästinafrage zu verhandeln, wie unwirksam, wie ungeschickt wurde auch dies arrangiert, so daß es fast wirkungslos blieb. Ist doch noch bis heute keinerlei Mitteilung über das Ergebnis dieser Verhandlungen ausgegeben worden. Ein anderes Beispiel aus diesen Tagen: die Erklärung des Unterstaatssekretärs für Litauen und die baltischen Provinzen von Falkenhausen in der litauischen Judenfrage war geeignet, eine starke Wirkung in jüdischen Kreisen auszuüben; versprach sie doch in klaren Worten den litauischen Juden die kulturelle Autonomie. In der Tat hat die gesamte jüdische Öffentlichkeit mit froher Genugtuung und gespanntem Aufhorchen auf die Erklärung reagiert; wenige Tage später wurde jedoch die Antwort des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes auf die Eingabe der VIOD und der orthodoxen Organisationen veröffentlicht, in der von der Kulturautonomie nicht mehr gesprochen, vielmehr zum Schlüsse — in völlig überflüssiger Weise — erklärt wird: „Inwieweit bei dem inneren Aufbau des litauischen Staates die Juden als besondere Nationalität zu behandeln sein werden, muß dem Willen und der Einsicht seiner Bevölkerung überlassen bleiben." Was Wunder, wenn dieser Satz die Wirkung der vorangegangenen Erklärung schwächt, beinahe aufhebt und die jüdische Öffentlichkeit wiederum nicht weiß, woran sie mit Deutschland ist. Diese Unklarheit der deutschen Politik in den jüdischen Fragen — auch hier nur ein Charakteristikum der deutschen Politik überhaupt — ist es, was