Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 5
- Article
- Chronik
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 199 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Chronik 199 deutsam, fast entscheidend geworden. Die anormale Lage unseres Volkes bedingt es, daß uns die wichtigsten Mittel zur konkreten Kristallisierung unserer inneren nationalen Energien fehlen. Wir haben kein Land, keine Souveränität, keine realen politischen Machtmittel, keine Armee, keine eigene Wirtschaftssphäre, keinen selbständigen Finanzmarkt; kurzum, es fehlen uns alle konkreten, leibhaftigen, allen sichtbaren Ausdrucksformen unserer nationalen und politischen Potenzen. Unsere Macht und Bedeutung ruht fast ausschließlich in Fähigkeiten und Qualitäten moralischer und imponderabler Natur. Hier aber ist unser Einfluß denn auch unvergleichlich viel stärker, tiefgehender und wirkungsmächtiger als der jedes anderen, an numerischer Stärke uns gleichen Volkes. Wir haben einen hervorragenden Anteil an der internationalen Presse, an der internationalen Finanz, am Wirtschaftsleben; wir beeinflussen die öffentliche Meinung, wir sind ein sehr wichtiges Element in der Bildung aller internationalen Stimmungen, und — ein wichtigstes — wir sind überall vertreten, das wahrhaft und in unmittelbarstem Sinne einzige internationale Volk, über alle Länder hin zerstreut, an allen politischen Sphären teilhaftig, und unter diesem Aspekt von wahrhaft unschätzbarem Werte für jeden, der unsere Bundesgenossenschaft sucht. Es ist begreiflich, daß die Entente mit ihrem feineren Verständnis für das Imponderable, Stimmungsmäßige im politischen Leben diese Eigenart und Bedeutung des Judentums als weltpolitischen Faktors sehr viel besser zu erkennen befähigt war als die Zentralmächte. So haben die Ententestaaten nicht nur viel früher mit der Inaugurierung einer selbständigen jüdischen Politik begonnen, sie taten und tun das auch heute noch intensiver, temperamentvoller, mit stärkerer Betonung und Gewichtigkeit als die Mittelmächte. Man kann sich noch heute angesichts der Judenpolitik der Zentralmächte des Gefühls nicht erwehren, als ob sie sie nur widerwillig treiben, gewissermaßen gezwungen durch die Gegner, ohne aber innerlich, wahrhaft und ganz von deren Wert und Notwendigkeit durchdrungen zu sein. Man hat dieses Gefühl ja bei ihrer gesamten Politik, soweit sie auf die Gewinnung von Sympathien, auf die Schaffung einer günstigen internationalen Atmosphäre ausgeht; man empfindet, daß diese Politik den Staatsmännern der Zentralmächte, vor allem Deutschlands, eigentlich nicht liegt, daß sie sich hier in ihnen fremden Sphären bewegen, in denen sie sich nicht recht wohl fühlen. Daher ihre Unsicherheit in diesen Dingen, ihre Ungelenkigkeit, ihr Pendeln zwischen Zagheit und Derbheit, zwischen schüchterner Vorsicht und polternder Barschheit; es fehlt ihnen jene innere Sicherheit, die Kühnheit mit Vorsicht verbindet, die weiß, was sie wagen darf, und darum gern wagt, die stark ist und doch nicht roh, stolz und doch nicht verletzend, die aber nur hervorgehen kann aus einer inneren Begabtheit und Neigung zu der ausgeübten Tätigkeit. (Man beobachte z. B., in wie hohem Maße etwa die deutsche Strategie und Kriegsführung diese Qualitäten besitzt.) Was daraus für die Einstellung der jüdischen Politik folgte — notwendig und unvermeidlich folgte —, ist die Entstehung eines gewissen Mißtrauens gegenüber allen Aktionen und Erklärungen der Zentralmächte in jüdischen Dingen. Dieses Mißtrauen ist nicht in dem Glauben begründet, daß England es mit dem jüdischen Volke innerlich altruistischer meine als Deutschland; wir wissen sehr wohl, daß in der gegenwärtigen inneren Verfassung der Weltpolitik kein Staat es mit dem anderen altruistisch meint, daß das einzig treibende Moment 15*