Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jakob Gordin und das jüdische Theater
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 190 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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190 Michael Weichert: Jakob Gordin und das jüdische Theater wie im Prolog zu „Gott, Mensch und Teufel" handelt es sich nicht um innerlich erlebte und erschaute Bilder, sondern um Nachahmungen fertiger fremder Produkte mit ganz unzulänglichen Mitteln. Die Diskrepanz zwischen der beabsichtigten und erzielten Wirkung ist von einer unfreiwilligen Komik begleitet. ,,Der Unbekannte" zerfällt vor den Augen des Zuschauers. Vom düstern Hintergrund, zu dem den mystischen Spuk Andrejew in seiner dialogischen Revue „Das Leben des Menschen" hergegeben hat, hebt sich eine theaterfeste Birch-Pfeifferiade ab. Noch verheerender wirkt der Versuch, mit dem theatralischen Apparat des modernen Familienstückes, das Gebiet des historischen Dramas zu betreten. In „Elischa ben Awuja" mag Gordin ein Vorkämpfer des „dritten Reiches", jener Synthese von alttestamentarischem Hebraismus und schönheitstrunkenem Hellenismus vorgeschwebt haben. Mit sicherem Geschick suchte er ihn im zweiten Jahrhundert n. Chr in einem Mann, den die Überlieferung mit dem Namen „Acher" (ein Anderer, ein Fremder) stempelte, weil er die Fesseln der bereits erstarrten Tradition abstreifen wollte, aber auch den Heilsgedanken des aufstrebenden Christentums aufs entschiedenste ablehnte. Auch der zeitliche Hintergrund konnte nicht besser gewählt werden. Aber der Mangel an geschichtlichem Sinn, an Distanz zum Gegenstand, an Zucht und innerer Straffheit des Geschehens bewirkte ein Gebilde von anödender Langeweile, wenn auch der Autor durch den Mund des Helden so manche bittere Wahrheit an die Adresse seiner Widersacher sagte. Faßt man Gordins Bedeutung kurz zusammen, so ergibt sich Folgendes: Seine Reform galt dem Theater, nicht der dramatischen Dichtung. War das alte Volkstheater eine eigenwüchsige Schöpfung der anonymen Volksmuse, in einer launigen Stunde mindern Unverstand gezeugt, führt Gordin zum erstenmal Bildungselemente ein. An die Stelle des hohlen Wortschwalls, der rhetorischen Verherrlichung erlogener Größe tritt eine logisch verknüpfte und psychologisch motivierte Handlung, an die Stelle blutleerer Tyrannen menschliche Gestalten von bühnenplastischer Dreidimensionalität. Er hat die Bühnenfähigkeit des Gegenwartsjuden, der bisher nur in komischer Verzerrung aufgetreten ist, auch für ernste Rollen entdeckt. Seine Stärke lag in der Charakterzeichnung: den Typen als Trägern von moralischen Lehren versteht er durch einen Schuß Individualität den Reiz persönlichen Eigenlebens zu verleihen. Er schuf das reguläre Theaterstück und hat dem Stegreifspiel der übermütigen Komödianten ein Ende gemacht. Er ordnete die lebensfähigen Elemente des alten Volksstücks in das von ihm gepflegte Genre ein und begründete eine Gattung, die sich am besten als rührendes Familiengemälde bezeichnen läßt und die seither eine hervorragende Stellung im Repertoire der jüdischen Bühnen einnimmt Er hat dem Theater, das außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft stand, den bürgerlichen Zuschauer gewonnen. Er hatte des Niveau des herrschenden Theatergeschmackes richtig bemessen und war unablässig bemüht, es zu heben; nicht zu allerletzt durch die Zugeständnisse, die er diesem Geschmack teils in pädagogischer Erkenntnis, teils aus künstlerischem Unvermögen gemacht hat. Ein rezeptives Talent, war er ein Mittler, der nichts anderes sein wollte. Von seinem künstlerischen Wert dachte er nicht hoch. „Solange solche Leute für die Bühne schreiben, wie ich, die zu Dramenverfassern durch Zufall wurden, die Stücke schreiben, weil sie die äußeren Umstände dazu zwingen" — schreibt er in übertriebener Bescheiden-