Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jakob Gordin und das jüdische Theater
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 189 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Gordin und das jüdische Theater 189 Unbekannte'* in das Repertoir der russischen Bühnen aufgenommen; „Gott, Mensch und Teufel" wurde im Kleinen Theater in Warschau in polnischer Sprache aufgeführt und von der Kritik gerühmt Mit den theatralischen Ljrbeeren, die ihm so reichlich zuteil wurden, begnügte sich Gordin nicht. Mit leidenschaftlicher Inbrunst suchte er die Wege, die aus den engen Bezirken des Theatralischen in die luftigen Höhen des Dramas führen. Hier und da ein Charakterzug, ein Strich, eine Nebengestalt, eine Szene, die nach dem anderen Ufer zeigen. Aber über Ansätze kommt er nirgends hinaus. ,,Gott, Mensch und Teufel" nähert sich in seinem Vorwurf, im Wollen zumindest, wenn nicht in seiner Durchführung, im Können, dem Drama, indem es, ohne im Mythischen zu' wurzeln — wie es sich den Anschein geben will —, das Mythische streift. Die verführerische Gewalt des goldenen Kalbes, die in den Lauften der Geschichte so oft Israels Seele betört hat, soll hier auf den modernsten Ausdruck (im ostjüdischen Sinne) gebracht werden. An einzelnen Momenten von starker, überzeugender bühnenplastischer Kraft fehlt es nicht (Geldzählen). Mit einem trivialen Prolog im Himmel setzt die Handlung ein. Nach einer von der Kritik als unzulänglich motiviert bezeichneten Exposition entrollt sich in einigen zusammengerafften Szenen der Lebensweg des frommen Thoraschreibers, der dem Satan einen Lotteriezettel abkauft und das große Los gewinnt. Er entläßt sein Weib, heiratet eine junge Nichte, verstößt den alten Vater, trachtet seinen Sozius — besagten Satan — um den Gewinnanteil zu prellen, richtet durch den Bau einer Fabrik das Kleingewerbe zugrunde. Schon will uns dünken, daß es aus dieser Höllenfahrt keinen Rückweg gibt, daß hier ein Mann seine Seele rettungslos verlor. Aber das darf nicht geschehen, der Böse darf nicht triumphieren. Durch den Tod eines Arbeiters in der Fabrik geweckt, erwacht die Reue. Mit Entsetzen tut sich dem Sünder die Tiefe seines Falles auf. Er schlingt den Gebetmantel um den Geldschrank und erhängt sich. Unzweifelhaft ein stark dramatisches Motiv. Wäre Herscheies Tun und Handeln von einer unersättlichen dämonischen Geldgier getrieben, und wäre es dem Autor gelungen, dieser leidenschaftlichen Triebkraft einen adäquaten dichterisch dramatischen Ausdruck zu finden, wir hätten das bedeutendste dramatische Werk der jüdischen Literatur. Gordins Können waren enge Grenzen gezogen. Nur selten versuchte er sie zu überschreiten. Tut er es dennoch, so versagen seine Kräfte ganz, und es entstehen Mischwerke. In „Der Unbekannte" hüllte er eine alltägliche, tränenreiche Begebenheit eines verschmähten Herzens eines buckligen Mädchens in das mystische Dunkel eines in den Weltensphären spielenden Schicksals mit Unbekannten, Engeln, Nymphen und ähnlichem Spuk. Seine vom platten Rationalismus der Haskalah bestimmte Phantasie blieb im Allegorischen — das überdies trivial anmutet — stecken und war unfähig, das Ewiggültige, Allgemeinmenschliche, Symbolische in dichterische Erscheinungsformen zu bannen. Seine bis zu einer gewissen Fertigkeit gediehene Handhabung der Umgangssprache des Alltags, die trotz ihrer deutschenden Entgleisungen und ihrer typisierenden Neigungen wenigstens wahr erscheint, erwies sich ganz unzulänglich, als es galt, tiefe Gedanken und gehobene Gefühle in rhythmisch bewegte Prosa oder gar gereimte Poesie zu binden. Hohle, blutleere Allegorien schreiten gespensterhaft über die Bretter und werfen mit ungelenken, gespreizten Fremd- und Deutschwörtern um sich, die in ihrer nackten Nüchternheit erschreckend wirken. Hier,