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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 188

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
188 (sequence 9)
Language
German
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i88 Michael Weichert: Leser des Theaterplakats sei an irgendeiner Litfaßsäule diesem Namen bereits begegnet. Wie mußte es seinem nationalen Stolz schmeicheln, wenn es neben einem Kinostück King Lear und einer Tanzposse Medea bei den „Irishen" auch ähnliche Erzeugnisse bei Juden gibt. Für diese nach unsern veralteten kontinentalen Begriffen wenig geschmackvolle Titelsetzung ausschließlich den Autor verantwortlich zu machen, hieße nach Art jener Kriegsberichterstatter handeln, die nach einem kurzen Aufenthalt im Osten oder gar nach einem Besuch in einem Gefangenenlager die deutsche Presse mit bescheidwissenden Elaboraten über jüdisches Leben und jüdische Kunst überschwemmen*). Groß ist das Verdienst Gordins um die Entwicklung der jüdischen Schauspielkunst. ,,Ein Theater hat die größte Macht darin, daß es die Gegenwart ansprechend darstellt; dadurch nötigt es seine Schauspieler zur Wahrheit und sein Publikum zur Würdigung wahrhaftigen Spiel." — sagt einmal Laube. Durch Einführung menschlicher Gestalten, Darstellung wirklicher Zustände, Schilderung wahrer Begebenheiten hat Gordin die Beobachtungsgabe der Schauspieler geschärft, ihren Sinn für natürliches Spiel geweckt. Kein Wunder, daß er sich in der Welt der Bretter großen Ansehens und hoher Wertschätzung erfreute; von den Schauspielern wurde er wie ein Abgott verehrt Aber auch das breite Publikum wußte seine Verdienste zu würdigen, und es war ein glücklicher Augenblick für den Autor, als ein alter Jude — wie er in der erwähnten autobiographischen Skizze berichtet — nach der Uraufführung des „Lear" zustimmend nickte: ein gutes Stück, eine Lehre vom Leben. Als Gordin dem gerührten Mann dankbar die Hand drückte und auf die erstaunte Frage, weshalb er so erfreut sei, erwiderte, er sei der, der das Stück geschrieben habe, frug jener ungläubig: Wozu habt Ihr es umschreiben müssen? Wissen denn die nicht, was sie zu sagen haben? Wenn wir auch heute das letzte Ziel der Schauspielkunst nicht in täuschend treuer Wirklichkeitsnachahmung erblicken, und vor allem die Kräfte der Phantasie nicht verkümmert wissen möchten, so muß doch die Hebung der jüdischen Schauspielkunst durch Gordin dankbar anerkannt werden. Seine erzieherische Wirkung reichte weit über die Grenzen Amerikas. Als im Jahre 1905 ein freier Wind durch das Zarenreich wehte, durch das Oktobermanifest das Theaterverbot für jüdische Bühnen aufgehoben wurde, und die Schauspielerin E. R. Kaminska die erste jüdische „dramatische Truppe" organisierte, bestritt Gordin den überwiegenden Teil des Repertoires. Sein Verdienst um die Hebung der jüdischen Bühnen, von der heimischen amerikanischen und ausländischen jüdischen Kritik nicht gebührend gewürdigt, fand bei dem nichtjüdischen Publikum und der nichtjüdischen Kritik volle Anerkennung. Die Gastspiele der Kaminskischen Truppe in Petersburg und den größeren russischen Städten mit Frau Kaminska in den Hauptrollen führten Gordin beim russischen Publikum ein. Bald wurden „Gott, Mensch und Teufel" „Mirele Efros" „Schechite*, „Der *) Als Europa das Ostjudentum entdeckte und Artikel über dieses Thema auf dem journalistischen Markte hoch im Preise standen, sah sich nebst mancher Tageszeitung eine ernste, führende Zeitschrift veranlaßt, einen Aufsatz über das jüdische Theater zu bestellen. Der Mann, der ihn besorgte, löste zu diesem Behufe einige Brocken ausübelberufenen englisch-amerikanischen Schriften, versetzte sie mit wenigen, zufälligen, zeitlich anscheinend weit zurückliegenden Theaterbesuchen, braute so ein wirres Durcheinander von Autoren, Stücken, Vorstellungen, Zeitungsnotizen, Theaterklatsch zusammen und setzte unbedenklich dieses Ragout der geistigen Elite Deutschlands vor.

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