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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 187

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
187 (sequence 8)
Language
German
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Jakob Gordin und das jüdische Theater I87 zu werden, zu einem drolligen, an Hebraismen reichen Jargon griff. Gab es doch seit je unter Russen und Polen in beamteter Stellung solche, die dank dem langjährigen Verkehr mit jüdischen Parteien sich einen gewissen Wortschatz angeeignet haben, den sie je nach ihrer Charakteranlage wohlwollend oder gehässig bei jeder Angelegenheit auszukramen suchten. Die Sprache als Charakterisierungsmittel zu verwenden, verstand Gordin, wie jeder geübte Bühnenschriftsteller. Ihm fehlt jedoch jede weise zurückhaltende Selbstbeschränkung. Daß die Person eine ihr nach Stand, Beruf, Bildung und gesellschaftlicher Stellung eigentümliche Sprache führen soll, ist eine wesentliche Forderung des realistischen Theaterstückes im Gegensatz zur stilisierenden Tragödie. Diese Aufgabe restlos zu lösen, gelang ihm nur unvollkommen. Die Unzulänglichkeit seiner sprachschöpferischen Kräfte bewirkte es nebst anderem, daß den „modernen" Gestalten etwas Unpersönliches, Schemenhaftes anhaftet, das ihnen den Reiz der Individualität nimmt, das sie hindert, ihr Innerstes im Worte zu fass en. Aber auch der Sprachgebrauch jener Gestalten der alten Generation, die ein Eigenleben führen, ist stark übertrieben. Ein gelegentlicher Vergleich, den ein Odessaer Fischhändler seiner Vorstellungswelt entnimmt, würde zu seiner Charakteristikbeitragen, bei Gordin sprichterununterbrocheneinen Fischerjargon, wo es von verschiedenen Fischarten und ihren Verwendungsmöglichkeiten wimmelt; für sein Begriffsvermögen zerfallen die Menschen in ähnliche Gattungen wie Fische und handeln in gewissen Lebenslagen aufs genaueste wie Fische. Ein leichter russischer Einschlag würde der jüdischen Posthalterin, die fern von dem Ansiedlungsrayon haust, gewiß einen individuellen Reiz verleihen. Bei Gordin spricht sie ein Mischmasch, das kaum, ein Bauer aus jener Gegend verstehen würde. Ein wiederkehrendes Lieblingswort, nicht zu oft angewendet, wie Jörgen Tesmans (in ,,Hedda Gabler") in der Zerstreutheit gedankenlos hingeworfenes „Denk mal an", kann zur Beleuchtung einer Charaktereigenschaft oder Gewohnheit dienen. Das fast jedem Satze angehängte „Hodie" oder „Was für ein Unterschied", ist darauf bedacht, lediglich komische Wirkungen auszulösen. Einer besonderen Erwähnung bedarf noch die Titelfrage: An Titeln wie „Der jüdische König Lear", „Gott, Mensch und Teufel", „Der Unbekannte", ,,Medea", „Sappho", „Kreutzersonate" oder Untertiteln wie „Die jüdische Königin Lear", die sämtlich Stoffe aus jüdischen bürgerlichen Kreisen zum Vorwurf haben, wird der Europäer Anstoß nehmen, Mit Unrecht. Es ist für den Theaterkundigen kein Geheimnis, daß die Titel der meisten Stücke, die dazu bestimmt sind, als Reklameaushängeschilde das Publikum zu locken, nicht vom Autor herrühren, sondern ihren Entstehungsort in der Theaterkanzlei haben. Man weiß noch heute von einem Berliner Dramaturgen zu erzählen, der vor jeden Titel ein „Oh" setzte und felsenfest glaubte, daß der Erfolg des Stückes sich ausschließlich an dieses oh knüpfe. Der erfahrene Theaterschriftsteller wartet nicht auf die Mitwirkung des Dramaturgen, sondern trägt diesem Umstand, der im modernen Reklamebetrieb wohl begründet ist, im voraus Rechnung. Außerdem liebt man es jenseits des Ozeans, eigene Leistungen der Literatur und Kunst an denen der anderen Völker zu messen und geizt keinesfalls mit der taxfreien Verleihung von Dichtertiteln und Dichternamen. So wurde Scholem Alejchem zu einem jüdischen Mark Twain, Schalom Asch zu einem ebensolchen Ibsen(?), Gordin zu einem jüdischen Shakespeare ernannt. Ähnlich verfuhr man mit den Titeln des Stückes. Man ging dabei von der richtigen Voraussetzung aus, der

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