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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 185

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
185 (sequence 6)
Language
German
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Jakob Gordin und das jüdische Theater 185 sich an ihr oft arg versündigt. Die Schwierigkeiten, die die Behandlung der Sprache dem modernen Theaterschriftsteller bereitete, dürfen nicht unterschätzt werden. In den gesellschaftlichen Niederungen als Weibersprache entstanden, vom öffentlichen Leben lange ausgeschlossen, entbehrte sie jeder sorgfältigen Pflege, jeder strengen Zucht. Unbehindert in ihrem wilden Wachstum, hat sie den Weg in die höheren Schichten nicht gefunden. Ein Mangel an leichtem, geselligem Ton, an gesellschaftlichem Schliff blieb ihr eigen. Bis in die jüngste Zeit haftet ihr in gebildeten europäisierten Kreisen, auch in jenen, die ihre nationale und kulturelle Bedeutsamkeit längst erkannt hatten, ein gewisses nicht zu unterdrückendes Odium einer Gaunersprache, eines Jargons an. Erst in den allerletzten Jahren setzt sich die Bewegung, das Jüdische auch zur Gesellschaftssprache zu erheben, mit Erfolg durch. Die Gordinschen Personen scheiden sich ihrer Sprache nach in zwei Gruppen. Für die volkstümlichen Gestalten der* älteren Generation und niederer Schichten, mit dem Charakterkomiker obenan, lieferte einerseits die Bühnentradition brauchbare Vorlagen, andererseits konnte aus den Urgründen der Volkssprache geschöpft werden: die Reize der Sprache nach der komischen Seite hin gelangten zur vollen Entfaltung. Für die Personen, die sich in der modernen Gesellschaft bewegten und die den Einflüssen der nichtjüdischen Umgebung ausgesetzt waren, fehlte das Traditionelle einer schon vorhandenen gesellschaftlichen Kultur, mußte eine eigene Sprache geschaffen werden. Zwei Gefahren bedrohten den Neuerer. Die eine war der aus der an deutscher Bildung orientierten Haskalah übernommene Hang zum Deutschradebrechen, so oft jemand erhabene Gefühle und tiefe Gedanken ausdrücken wollte; er trieb in den Königsszenen der vorgordinschen historischen und in den Liebesszenen der nichthistorischen Oper seine üppigsten Blüten. Zum zweiten brachte die über Nacht zu ungeahntem Aufschwung emporwuchernde jüdische Journalistik in Amerika eine Flut von englischen, oft nur zur Not judaisierten Wörtern und schuf sich in ihrer vielgepriesenen Anpassungsfähigkeit ein eigenes Zeitungsjüdisch, das eine enge Verwandtschaft mit seiner brüderlichen Erscheinung, dem Zeitungsdeutsch aufweist. Zwischen der Szylla der Germanismen und der Charybdis der Amerikanismen sich durchzuwinden, vermochte nicht einmal ein Theaterschriftsteller vom Rang Pinskis. Gordin vermeidet im allgemeinen glücklich nur den amerikanischen Einschlag, wenn er ihn nicht gerade für die in Amerika spielenden Stücke als Charakterisierungsmittel benutzt; der sprachlichen Anklänge an das Deutsche konnte er anscheinend nicht entraten. Deutschklingende und deutschgeformte Fremdwörter und Gemeinplätze sind nicht so sehr ein beabsichtigtes Zeichen guter Bildung (wie im vorgordinschen Stück), als ein Beweis des Unvermögens des Autors. In den gelegentlichen poetischen Ergüssen und den Prologszenen der versuchten dramatischen Dichtungen (über die noch später gesprochen wird) steigert es sich zu einem unerträglichen und schauderhaften Kauderwelsch. Sowohl nach einer sorgfältigen Behandlung der Sprache als auch nach einer Berücksichtigung der spezifischen Forderungen, die die Bühne an die Anschaulichkeit und den Klang des gesprochenen Wortes stellt, würde man vergebens suchen. Häufige Solözismen, Modeausdrücke, Bildungsphrasen, politische Schlagworte waren auch dem europäischen bürgerlichen Stücke nicht fremd. Zieht man die wirtschaftlichen Umstände in Betracht, unter denen die Stücke entstanden: die strengen Lieferungstermine, die eingehalten werden mußten, sollte der Betrieb aufrecht erhalten bleiben, so findet man es begreif-

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