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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 184

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Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
184 (sequence 5)
Language
German
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184 Michael Weichert: den diese mit peinlicher Wirklichkeitstreue, womöglich starkem Lokalkolorit abgebildeten Schilderungen ausübten, wenn sie Erinnerungen weckten an das stille, idyllische, ruhig dahinfließende, von einem Schimmer der Wehmut umhauchte Leben in der Heimat*). Denn der aus wirtschaftlicher Not eingewanderte Jude bewahrt in der Fremde seiner alten ostjüdischen Heimat treues Gedenken, Diese rührende Anhänglichkeit findet ihren Ausdruck in einem engen Zusammenschluß der aus einer Stadt oder einer Provinz Ausgewanderten in Landsmannschaften, in einem lebhaften Anteil an den Geschicken der in der Heimat Zurückgebliebenen, in einem zähen Festhalten an religiösen Sitten und Gebräuchen in lokaler Übung, am Dialekt in lokaler Färbung. Daraus erklärt sich, daß Gordin, der im Gegensatz zu seinen naturalistischen Vorbildern (man denke etwa an Hauptmann) in den Bühnenanweisungen knapp und ungenau ist,, sein Stück jeweilig an einem bestimmten Ort fest ansiedelt Die meisten Stücke spielen in Rußland, einige in Amerika. Aber nur selten findet sich eine allgemeine Ortsbezeichnung, wie „eine Kleinstadt in Südrußland" oder „eine litauische Großstadt". Üblich ist die genaue Fixierung des Ortes wie: Es spielt in Sluzk, Grodno, Jekaterinoslaw, Odessa, Mohilew, Slotopole, während die näheren Angaben über die Ausstattung und das äußere Aussehen des Raumes fehlen. Der wirkliche Schauplatz dieser Stücke ist die Familie. Die Familie als Walstatt der Kämpfe bot manchen technischen Vorteil, der nicht zu unterschätzen ist. Die Wahl des Schauplatzes bereitet "dem bürgerlichen Dramatiker seit je Kopfzerbrechen. Es muß ein Ort gewählt werden, an dem die Anwesenheit der Personen ohne überflüssige Motivierung unauffällig und wahrscheinlich erscheint. Für die Haupt- und Staatsaktionen der hohen Tragödie bildeten die Paläste der Könige und Fürsten und die offenen Plätze einen würdigen Hintergrund. Das englische bürgerliche Stück spielt abwechselnd im Kaffeehaus, im Gefängnis, auf der Straße, für das französische ist der Salon der natürliche Rahmen, dem deutschen erfand Lessing mit einem glücklichen Griff in dem Wirtshaus einen erwünschten neutralen Boden. Die Beschränkung der Handlung auf eine interne Familienangelegenheit enthob Gordin der Sorge um einen neutralen Schauplatz: im jüdischen Hause konnten die agierenden Personen — nahe und weitere Verwandte — nach Belieben ein- und ausgehen. Gordins Verhältnis zur Sprache war ursprünglich durch die seltsame Stellung der Haskalah zum Jüdischen bestimmt. Um ihren Bildungsaufgaben gerecht zu werden, mußten sich die Aufklärer der einzigen Sprache bedienen, die die breiten Massen des Volkes beherrschten. Mehr als ein notwendiges Übel, als ein Verständigungsmittel, das sie eher schlecht als recht handhabten, war ihnen das Jüdische nicht. Noch bis auf den heutigen Tag erhielt sich in gewissen Kreisen die aus jener Zeit stammende Bezeichnung der jüdischen Sprache als „Dienstmagd". Wenn auch Gordin in späterem Alter für die Reinheit der Sprache in publizistischen Artikeln eintrat, in seinen Theaterstücken hatte er *) Wie tief die Vorliebe für sentimentale Familieninterieurs eingewurzelt ist, beweist der Umstand, daß industriöse Bühnenschriftsteller deutscher und ungarischer Zunge, aber mosaischer Herkunft die Bühnen der von ostjüdischen Kriegsflüchtigen überfluteten Haupt- und Großstädte mit solchen von Sentimentalität, Geschäftstüchtigkeit, Gänseschmalz und anderen rituellen Genüssen triefenden Stücken bis vor kurzem belieferten, Stücken, die in Theaterkreisen den bezeichnenden Namen „Judenstücke" führten und denen die Direktoren ob ihrer Kassenerfolge lange noch dankbaree Erinnrungen bewahren werden.

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