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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 183

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
183 (sequence 4)
Language
German
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Jakob Gordin und das jüdische Theater 183 und -mittein mutet recht unwahrscheinlich an. Der Mord und Selbstmord sind vom Religionsgesetz aufs schärfste verpönt; eine unüberwindliche Abneigung gegen blutige Taten ist dem Juden tief eingewurzelt. Das Unzulängliche dieser Motivierung empfand Gordin. Deshalb hüllte er seine Gestalten in geistige Umnachtung und entrückte sie so der Veranwortung für die im Paroxysmus begangenen Taten. Daß sich dabei Szenen von außerordentlicher theatralischer Wirkung ergaben, ist einleuchtend. Einmal weht uns sogar etwas wie ein dichterischer Hauch an („Schechite"). Endete das Stück mit einem Mord, so warf sich eine kriminelle Frage auf. Die Zuschauer hatten nicht übel Lust, auch den Ausgang der Kriminalaffäre zu kennen. Shakespeare ließ die Frage nach der irdischen Gerechtigkeit offen („nur ein Narr wartet auf Antwort"); der moderne Gesellschaftskritiker Ibsen entläßt den Zuschauer in Ungewißheit über das äußere Schicksal, nachdem der innere Richter sein Urteil gesprochen hatte. Bei Gordin schließt die geistige Umnachtung die Zurechnungsfähigkeit und damit die Schuldfrage von vornherein aus. Nicht das vorüberhuschende Geschehen, die breit ausholende Sittenschilderung ist dem Aufklärer die Hauptsache. Die Milieuschilderung ist nicht ein Teil der bedingenden Voraussetzungen, die zum besseren Verständnis der Charaktere und Vorgänge dienen sollen, nicht zeitlicher und örtlicher Hintergrund, aus dem die Gestalten herauswachsen. Die Genremalerei wird Selbstzweck. Grau in grau gehalten, hämmert sie sich in das Gemüt ein, beengt den Atem, raubt den Ausblick, wird ein eindringliches Memento. Aber andererseits weiß Gordin einzelne Bilder gemütlich zu gestalten. Mit behaglicher Breite verweilt er in den Zelten Jakobs. Mit liebevoller Sorgfalt werden Familienfestlichkeiten arrangiert, umständlich geschildert. In Sentimentalität bis über die Ohren getaucht, müssen sich diese Szenen einer großen Beliebtheit erfreut haben, wenn es der Autor wagen konnte, sie im letzten Akt im vollen Zauber zu entfalten. Um eine Einsegnungsfeier eines aus einer im ersten Akt geschlossenen Ehe entsprossenen Knaben zu ermöglichen, läßt er zwischen dem ersten und zweiten Akt drei, und zwischen dem dritten und vierten zehn Jahre verstreichen. Die Entwicklung des öffentlichen Lebens der amerikanischen Judenschaft hat zu einer sonderbaren Stellung des jüdischen Theaters geführt. Weder der im Sinken begriffenen Macht der Kirche, noch dem unter der beispiellosen Zerklüftung und Kleinparteilichkeit leidenden politischen Leben wohnte eine einigende Kraft inne. Das Theater war das zentralste Kulturelement. Hierher flüchteten sich die Mühseligen und Schwerbeladenen, hier suchten sie Schutz gegen die nivellierenden Tendenzen der amerikanischen Proletarierexistenz, hier begehrten sie leidenschaftlich Antwort auf den Sinn ihres Lebens, auf die bange Frage: Um wessen willen leiden wir Unsägliches? Und derselbe Mann, der in der Volksversammlung bei Tageslicht unter freiem Himmel die Massen für allgemein menschliche Ideale begeisterte, mußte, wenn er von der Bühne sprach, jene Mächte verherrlichen, die er sonst reaktionär schalt. Im dunklen Zuschauerraum bebten die überzeugtesten Atheisten in Spannung vor dem religiösen Bühnenwunder, hier entbrannten die eingefleischtesten Internationalen für Zionsideale, genau so wie sich die reichen Fabrikanten, die ihr Leben lang Dreißigersche Praktiken üben, über den Dreißiger der „Weber" entrüsten. Die Autoren der „historischen Oper" wußten wohl zu gut, weshalb sie im nationalen Chauvinismus und religiöser Unduldsamkeit schwelgten. Auch die Gordinsche Schule mit Gordin an der Spitze kannte den Anziehungszauber,

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