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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 182

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
182 (sequence 3)
Language
German
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182 Michael Weichert: An gelegentlichen, auf die Masseninstinkte berechneten Wirkungen, wie sie etwa den mittelalterlichen Spielen eigen sind, fehlt es nicht Im „Spiel vom verlorenen Sohn" wird das Hinauswerfen aus der Kneipe mit besonderer Umständlichkeit geschildert; bei den Gründlingen der Shakespearischen Zeit waren Prügelszenen ebenso beliebt, wie bei dem italienischen Publikum der Commedia dell arte. Der primitive jüdische Zuschauer hatte an dem wüsten Geschimpfe, das in Tätlichkeiten ausartete, am skandalösen Hinausbefördern mit Hilfe gewisser beredter Handbewegungen, am Zerschlagen von Gegenständen und Möbeln, an echt amerikanischen Ringkämpfen auf der Bühne eine nicht geringe Freude. An den Erzeugnissen der vorgordinschen Epoche gemessen, bedeuten jedoch die Gordinschen Stücke in bezug auf die Vereinheitlichung der Handlung einen merklichen Fortschritt. Die meisten Stücke bezeichnet Gordin als Drama, einzelne als Lebensbild. Die letztere Bezeichnung wäre für alle zutreffender. Welche Merkmale für den Gattungsunterschied bestimmend waren, läßt sich nicht ermitteln. Auch in den Schriften findet sich kein Hinweis. Eine herbe tragische Weltanschauung liegt keinem zugrunde. Der innere Rhythmus ist letzten Endes weder tragisch noch komisch: er ist weinerlich. Allem Anschein nach war ein rein äußerliches Moment, der fröhliche oder traurige Ausgang entscheidend. Dagegen spricht aber die Bezeichnung des „Lear" und der „Mirele Efros" als Drama, die beide gut enden. Die ihrem Wesen nach der modernen zahmeren Gattung des Schauspiels zuzuzählenden Erzeugnisse drängen nie zu tragischer Lösung. Solange die Entscheidung aussteht, wird dem Zuschauer die süße Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang nicht genommen. Zum guten Teil enden die Stücke, zumal die der älteren Epoche mit einer allgemeinen, im wohligen Schauer der Rührung aufgelösten Versöhnung. Die Aussöhnung muß — das ist schon im moralischen Erfassen der Probleme, in der lehrhaften Idee begriffen, eine allseitige sein; jedem muß sein Recht werden, die einen müssen erhöht, die andern erniedrigt werden. Der Kampf, der sich nicht um eine Gestalt, nicht auf ein Problem konzentriert, muß alle verschlungenen Probleme zum befriedigenden Austrag bringen. Aber auch in jenen Fällen, die einen blutigen Schluß haben, ist der „tragische" Untergang nicht die notwendige Folge, die Katastrophe nicht der einzig mögliche Ausweg aus einer tragischen Verstrickung. Die Gordinschen „Heldinnen" leiden, üben sich in der härtesten aller Tugenden, der Geduld, nach der Devise: der Krug geht so lange zum Brunnen bis er bricht — bis sie eines Tages nach einem Mordinstrument greifen. Eine innere Notwendigkeit liegt nicht vor. Sie könnten noch sehr lange leiden, wenn das Stück nicht einmal zu Ende sein müßte. Sie sterben samt und sonders an einem bösen theatralischen Übel: dem letzten Akt. Im allgemeinen ist der Bürger der Katastrophe als Lösung abhold. Einer der besten Kenner seines bürgerlichen Publikums des ausgehenden XVIII. Jahrhunderts, der Schauspieler und langjährige Direktorin Hamburg, F. L. Schröder hat daher den tragischen Ausgang der von ihm bearbeiteten spanischen und englischen Stücke umgebogen. Auch Gordin konnte es nicht verborgen bleiben, daß dem Empfinden des jüdischen Kleinbürgers, den er dem Theater gewann, eine blutige Lösung fremd ist. Wenn er sie dennoch gelten läßt, hat neben den theatralischen Rücksichten auch noch die Absicht mitwirken müssen, den moralischen Warnungsruf noch abschreckender ertönen zu lassen. Denn was bei den Bühnenfiguren romanischer oder germanischer Provenienz immerhin noch denkbar ist, dürfte bei den Juden und Jüdinnen der Gordinschen Welt kaum anzunehmen sein. Ihre Vertrautheit mit Mordwaffen

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