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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 181

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
181 (sequence 2)
Language
German
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Jakob Gordin und das jüdische Theater 181 je breiter, je länger andauernd, von desto stärkerer, überzeugenderer Wirkung. „In vier Stunden überlebt man Jahrzehnte," sagt Gordin in einem seiner dramaturgischen Aufsätze. Wer seinem Zuhörer einen moralischen Fall eindringlich zu Gemüte führen will, kann auf die Vorgeschichte nicht verzichten. Er kann sich auch nicht damit begnügen, sie rückschauend aus dem Geschehenden erstehen zu lassen (analytische Technik, Ibsen). Der Zuschauer muß unmittelbarer Zeuge all dieser Vorgänge sein, soll er befugt sein, ein Urteil zu sprechen. Daher die der erzählenden Kunst entnommene Technik, in einzelnen Akten, gleichsam in Romankapiteln einzelne Abschnitte der Lebensgeschichte in loser Folge zu schildern. Daher die den Akt eröffnenden Expositionsmonologe, die die romanhafte Einleitung des Kapitels: Lieber Leser, seit dem letzten Ereignis sind zehn Jahre verflossen, durch einen Bericht ersetzen, der, in den Mund eines dienenden Geistes gelegt, über Ort und Zeit der Handlung unterrichtet. Unter diesen Umständen kann die ein „Lebensbild" (und nicht Charakterbild) bildende Handlung nicht einen strengen architektonischen Bau darstellen, eine aufsteigende und fallende Linie, ein allmähliches Anschwellen und jähes Abnehmen. Sie verläuft vielmehr im Zickzack, bildet eine Revue, eine lose Aneinanderreihung breit ausholender Bilder mit langen öden Strecken dazwischen, ähnlich wie das mittelalterliche Passionsspiel. Durch die fast durchgängig vieraktige Einteilung zerfällt die Begebenheit in vier, durch starke szenische Herausarbeitung der Aktschlüsse geschiedene tränenreiche Leidensstationen. Dabei weiß der Autor die Aktschlüsse sehr wirksam zu gestalten. Während er sich sonst um das Kommen und Gehen der Personen nicht viel bekümmert, und nie für einen dankbaren Abgang sorgt, bergen die Aktschlüsse die stärksten Effekte: lebende Bilder, gleichsam in bengalischer Beleuchtung, prägen sie sich der Phantasie des einfachen Zuschauers am tiefsten ein. Es hat oft den Anschein, als ob die Aktschlüsse vorher bestanden hätten, um erst nachträglich mit einer Handlung gefüllt zu werden. Die auf anderen Bühnen abgebrauchtesten, auf der jüdischen selbstverständlich funkelnagelneuen Mätzchen werden an den Haaren herbeigezogen, worunter oft die psychologische Wahrscheinlichkeit und die Übersichtlichkeit der Handlung schwer zu leiden haben. Um die dürftige Handlung zu einem vieraktigen Stück auszuwalzen, zieht Gordin verschiedene, mit der Handlung nicht streng zusammenhängende Motive heran, wiederholt sie, häuft sie, hetzt sie tot. Die Haupthandlung wird von episodischem Rankenwerk überwuchert, das Entscheidende, worauf es in der Hauptsache ankommt, nicht stark genug herausgearbeitet, während einzelne Kontrastwirkungen grell beleuchtet werden. (Das jammernde Rezitativ einer Beichte eines Sterbenden und gleichzeitig eine lustige kleinrussische Melodie eines lebenstrotzenden Mannes, der vom Autor ausersehen ist, die Nachfolge des ersten in der Ehe anzutreten; eine Liebeswerbung im Vordergrund, der Todeskampf eines vom Schlage Gerührten im Hintergrund.) Die Kunst der Steigerung, die immer maßvolle Zucht voraussetzt, ist Gordin fremd. Unvermutet und überraschend setzt die an irgend einem Punkt stecken gebliebene Handlung an einem anderen ein, bricht dann wieder plötzlich mit einem starken theatralischen Effekt ab, ohne die letzten künstlerischen Wirkungen herausgeholt zu haben: ein neues Motiv wird herangezogen. Dadurch wird beim Mangel an innerer Bewegung der Eindruck äußerer bunter theatralischer Bewegtheit hervorgerufen, die durch das stete unruhige Kommen und Gehen von Personen, durch Gesellschaftsszenen, Festlichkeiten u. ä. noch verstärkt wird. i3*

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