Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Tagebuchblätter aus Whitechapel
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 179 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Tagebuchblätter aus Whitechapel 179 die ganze manchmal etwas süßliche Sentimentalität, die den Ghettojuden charakterisiert. Aus der mokanten Überlegenheit über die Wirklichkeit ist alles — sagen wir Heinesche weggeschwemmt und alle Affekte werden zu einer grotesken Übertreibung erhöht Wie in den Zeugnissen der jungjüdischen Literatur das Leben oft in kleinen Einzelheiten seine tiefe Schmerzlichkeit enthüllt und dadurch eine oft (besonders in den humoristischen Werken) gezwungene Humorigkeit erzeugt, so ist das Leid Hamlets erzwungen, dadurch daß es sich in willenloser Form entlädt. Es ist indessen nicht die Übertreibung der Schmiere, sondern in die Hamlettragödie wird gleichsam das jüdische Leid eingegossen. Deshalb gehört der Sieger über das Leben, der Mensch des Erfolgs und des Welterfassens, Fortinbras nicht in das Drama. Und wenn sonst in das Dunkel halbgelebten Lebens die Wirklichkeit Fortinbras mit hellen Fanfarentönen hineindringt — hier wird er wie eine lästige Person verstanden. Das Theater wurde unruhig bei diesen Versen. So sehr die Menschen des Ghettos über Ophelias Wahnsinn weinten, so sehr sie mit einem gewissen bitteren Ernst die groteske Gebärde des Polonius aufnahmen (denn sie wissen selbst, was es heißt, sich lächerlich zu machen), so sehr versagte ihr Sinn beim Tatenmenschen Fortinbras. Jemand sagte neben mir vernehmlich: „Goj". Und darin kam das Unverständnis einer ganzen Welt gegenüber zum Ausdruck. Die Außenwelt ist auch im Theater nicht ausgelöscht. Ich habe es noch nie erlebt, daß das Leben draußen so sehr hier innen noch weitergeführt wird. Und daß gleichzeitig eine Hingabe von so intensiver Art besteht. Allerdings nur, wo das Theater Dinge vermittelt, die im Leben stehen, nicht der Tatsache nach, sondern in oft zunächst unerfühlten unterirdischen Zusammenhängen. Deshalb wirkte die Hamlettragödie besonders stark nicht in den Linien, in denen man eine direkte Verbindung zwischen diesen Menschen und den im Kunstwerk gelebten Vorgängen findet, sondern wo das Leid des Dramas sich irgendwie mit ihrem Leid identifiziert. Das ist freilich eine Kategorie, die jedes primitive Kunstgefühl von einem höher gebildeten unterscheidet: daß auf das primitive nur die Dinge einwirken, die in direkter Beziehung zur Empirie stehen. Aber bei den Menschen des Ghettos kam dies in einer besonders feinnervigen Steigerung zum Ausdruck. Ich hätte in jedem Augenblick beim Herunterspielen der Hamlettragödie nachweisen können, wo die Menschen des Ghettos nicht nur mit den Augen und Ohren, sondern auch mit den Herzen dabei waren. Und als der Vorhang über dem letzten Akte fiel, drängte die Wirklichkeit wieder so hart und die Sorgen wieder so schwer, daß die Geschichte vom Prinzen von Dänemark (wie weit weg ist doch das!) und die selbstlose Liebe der Ophelia (gibt es so etwas?) unterging in der Sehnsucht nach einer anderen Welt, aber sogleich unterdrückt durch die Unmöglichkeit, sich eine andere Welt zu suchen. An diesem Abend habe ich Whitechapel in trostloser Traurigkeit wieder verlasseh. Ich ließ mich treiben. Und landete beim nichtjüdischen Proletariat in Shoreditch Empire. Das ist ein minderwertiges Variete, in dem es nach faulen Fischen stank. Ich sah zunächst nur schmierige Kerle und Weiber, die aus einem gemeinsamen Stück Papier Abendbrot aßen. Auf der Bühne produzierten sich Varieteanfänger. Das Publikum griff in die Aktion ein. Einige Male wurde durch die Finger gepfiffen. Und während ein kleines Mädchen einen Ragtime tanzte (nicht übel), gab es auf der Galerie eine Messerstecherei, daß sogar der unermüdliche Kapellmeister abklopfen mußte. Als er wieder genügend Aufmerksamkeit Heft 4. I3