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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 178

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Tagebuchblätter aus Whitechapel
Date
1918-01-01
Page
178 (sequence 10)
Language
German
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i78 Norbert Einstein: habe ich ihr vermittelt: alte Synagogen von einer geradezu unwirklichen Abgerücktheit, die Architektonik der proletarischen Straßen, die manchmal an den Berliner Norden erinnern und dann plötzlich von einer (wer weiß woher stammenden) Kultur sind. Und die Toynbee-Hall, wo man Abende einer gewissen sonst unbekannten Geselligkeit erleben kann. Man trifft dort Menschen von gleichgerichtetem Drange, Bücher von einem erlesenen Gleichmaß, und die scheue Bewirtung in den Abendstunden ist von Kredenzen und Almosen gleich weit entfernt. Es gibt eine Gemeinsamkeit in Whitechapel, weit über dem sonstigen bürgerlichen Sich-Zusammenfinden. Es ist nicht das willkürliche Vereinen, es ist auch nicht ein Zusammentreffen unter einem äußerlichen Druck, sondern die Menschen sind gleichsam ganz besonders und nur für einander geschaffen. Denn alles Übrige schart sich in den „Cinemas" zusammen und versandet in einem banalen Genuß, wie er den Arbeitervorstädten von Berlin, London, Paris und New York gemein ist und sich vielleicht nur im Tempo etwas unterscheidet. Hier aber ist die Erhaltung einer Sphäre. Vielleicht gibt es kaum eine schmerzlichere Tragik als die, ein menschliches Schicksal eine Strecke Weges zu erleben. Denn die Entscheidung eines tätigen Eingriffs in ein Menschenleben bringt doch eine innere Verpflichtung, die nicht durch das Bewußtsein aufgewogen wird, daß das ein Stück Weges nach oben und nicht nach unten war. Daß Whitechapel in dieser Frau unausrottbar ist und daß dieses Whitechapel nun in einem ganz umwandelnden Licht ihr erschien, wird ihrem Menschentum eine neue Qual bereiten. Von dieser Qual ist der nicht abzutrennen, der ihr Führer auf dem neuen Weg war. Daß sich das aber vollzog ohne die Sensibilität der Frau, sondern daß in der Selbstverständlichkeit der seelischen Metamorphose die Unbewußtheit so tief war, daß jene noch nicht zutage trat, ist wiederum ein Symbol für Whitechapel: daß alle seelischen Metamorphosen in einem unendlichen Lento sich vollziehen. Und daß auch dann, wenn äußerlich die neue Form, das neue Leben, das neue Kleid, der neue Haarschnitt angenommen wird, die alte Form und das alte Gesetz und der alte Lebensrhythmus immer noch den Takt unvermeidlich und unausrottbar schlägt. Im Theater des berühmten Herrn Kessler war ich an einem Schabbesabend und sah „Hamlet". Das merkwürdige Ereignis wurde nicht allein dadurch erhöht, daß das jiddische Theater das einzige Theater war, das in den damaligen Wochen und Monaten in London überhaupt Shakespeare spielte. Der ganze Raum und die Zuhörerschaft drängte zweifellos nicht dazu, gerade jetzt das Schicksal des traurigen Dänenprinzen zu erleben, und so wirkte das Stück auf mich zum ersten Mal in einer gewissen grotesken Weise. Alle Menschen außer Hamlet, die sonst irgendwie im Schatten stehen und wie Traumgebilde in der furchtbaren von Hamlet durchlebten Unwirklichkeit sind, stehen hier im Vordergrund. Der larmoyante Polonius ist ein vollkommener Narr, und die Schauspieler spielen im Schlosse des Königs Schmiere. Das Halbdunkel und die Schmerzlichkeit der hamletschen Verse fehlen: alles ist irgendwie in die schmierige Wirklichkeit gerückt. So schiene das Stück seinen Ursinn verloren zu haben, wenn nicht ein paar Laute und Bewegungen so stark gewesen wären, daß Wirklichkeit und Unwirklichkeit untrennbar eins wurden und die spontane Wirkung ungeheuer war. Herr Keßler, der abgöttisch geliebte Whitechapelmime, spielte den Hamlet. Wenn er den Totenschädel in der Hand hat, ersteht

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