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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 180

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Tagebuchblätter aus Whitechapel
Date
1918-01-01
Page
180 (sequence 12)
Language
German
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i8o Michael Weichert: zum Weiterspieleri fand, verließ ich das Theater. „Proletarier aller Länder .. dachte ich zunächst. Und dann sehnte ich mich zurück nach der Reinheit Whitechapels. Und dann wußte ich, daß der Gegensatz zwischen dem westlichen und östlichen Judentum eine Willkürlichkeit ist und daß alle Staatstheorien satter Justizräte gegen die ungeheuren Eindrücke nicht ankämpfen können. Und wußte weiter, daß es eine Lösung geben wird. Denn das Jüdische ist so stark, daß es sich durch die Verelendung hindurch bewahrt und sich auch durch die Verquickung des Problems bewahren wird. Und wußte an diesem Abend, daß nichts auf der Welt es verhindern kann, daß der Kern des jüdischen Wesens einst die Bedingung rindet, die diesen Kern zu neuem Glänze erstehen läßt. Im Felde Norbert Einstein JAKOB GORDIN UND DAS JÜDISCHE THEATER ine richtige Bühnenintrige, wie sie in romanischen Landen heimisch ist, und K2j wie sie schon die treibende Kraft der antiken — der zweiten attischen und der römischen — Komödie war, ist bei Gordin selten. In diesen im Grunde ernsten Auseinandersetzungen mit der herrschenden Familienmoral finden die theatralischen Verkettungen, Mißverständnisse, Wiedererkennungen und all die coups de theätre in wohltuendem Gegensatz zu der sich überstürzenden Fülle zusammenhanglosen Geschehens in der vorgordinschen Epoche keinen Raum. Das Gerippe der Handlung ist ein einfacher alltäglicher Fall. Ein reicher Mann oder eine reiche Frau verteilen zu Lebzeiten ihr Vermögen unter die Kinder und haben dann diese unvorsichtige Tat schwer zu büßen („Lear", „Mirele Efros"); eine Frau erfährt in zweiter Ehe, die sie trotz dem ihrem sterbenden Manne gegebenen feierlichen Versprechen schließt, viel Mißgeschick („Schewye", Bearbeitung von „Fuhrmann Henschel"); ein alternder Mann führt eine junge Frau heim und muß sehen, wie sie leichtsinnig sein Vermögen durchbringt, während sein geistig zurückgebliebener Sohn von einer unheilvollen Leidenschaft zur Stiefmutter erfaßt wird („Der wilde Mensch"); ein Mädchen geht widerwillig eine Ehe mit einem windigen Menschen ein, um vom greisen Haupte ihres Vaters die Schande abzuwenden, mit der es die Folgen ihres in jugendlicher Vertrauensseligkeit begangenen Fehltrittes bedeckt hätten („Kreutzersonate"); ein anderes Mädchen wird von ihren Eltern einem alten brutalen Wüstling, der aber reich und angesehen ist, vermählt („Schechite"); eine arme Waise vom Lande, die im Hause der städtischen Tante Aufnahme findet, wird von ihrem leichtsinnigen Vetter verführt („Chasje, die Waise"); ein langjähriger Streit zweier feindlichen Brüder wird durch die Liebe ihrer Kinder beigelegt („Gebrüder Luria"). In der Regel geschieht dieses Tatsächliche im Expositionsteil, gewöhnlich im ersten Akt; die unausbleiblichen verderblichen Folgen bilden das traurige Familiengemälde, das vor den Augen des Zuschauers entrollt wird. Es ist nicht ein starkes, zusammengeballtes Menschenschicksal, in kürzester, komprimiertester Form, nicht ein Moment im Leben, in dem sich das ganze Leben zum sinnbildlichen Ausdruck erhebt. Das belehrende Theaterstück umfaßt einen ganzen Lebensausschnitt, (Schluß)

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