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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 177

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Tagebuchblätter aus Whitechapel
Date
1918-01-01
Page
177 (sequence 9)
Language
German
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Tagebuchblätter aus Whitechapel 177 An einem Schabbesabend ging ich einmal durch Whitechapel Highroad, das ist eine große breite LStraße im Eastend. Hier ist nicht mehr reines Ghetto. Das ist gleichsam der Treffpunkt einer Welt von Ausgestoßenen. Die Dockarbeiter der India-Docks (ihre Arbeit ist schwer) eilen ihren Wohnstätten hier zu, die Zuhälter, deren Mädchen im eleganten Westen ihr Geld verdienen, nisten sich hier ein, auch die Verbrecher, die irrtümlicherweise mit Whitechapel identifiziert werden, lustwandeln hier. Man schlendert über die Highroad und muß stechende und glühende Blicke aushalten. Die sozial zerfressenen Blicke der Männer, in denen gleichsam unbewußt die Erkenntnis des die Vielheit beherrschenden Kapitals (und demgemäß auch der Haß) steht — und die der Frauen, die in jedem aus einer anderen Sphäre stammenden Menschen den Befreier sehen. Aber das Jüdische der Menschen überragt die ganze Umgebung. Es ist rein geblieben. Durch die Zerrissenheit des Proletariers und die unterminierte Moral des Verbrechers, durch den mindestens neuartigen Blickpunkt des Zuhälters hindurch strahlt etwas wie von Ursprünglichkeit, Reinheit, Unangerührtheit. Das Jüdische dieser Menschen wird wie überwuchert durch die Sphäre, in der sie stehen. Aber diese Menschen sehen immer aus, als seien sie nicht an ihrem Platze. Ich sprach mit einem der Mädchen lange über ihr Judentum. Was sich in mir in quälender Bewußtheit auftürmte, war hier im Dämmerlicht, im Halbdunkel des Unbewußten, Halbgewußten. Sie war im russischen Ghetto aufgewachsen und wußte, wie man sich in den eleganten Klubs trug, wußte sogar von den Aktionen des englischen Bankbetriebs und ein einmaliger unmotivierter Besuch in der „Wallace-Collection" hatte sie so tief angeregt, daß sie sich wie in einer mehr denn ästhetischen Wehmut noch immer mit einer altfranzösischen Emaille herumquälte, die sie dort sah. Und war ungeheuer ursprünglich und optimistisch, betrachtete die sozialen Wirren Whitechapels beinahe mit dem Leichtsinn mancher Wohltäter der Menschheit, die das Elend nie selbst gesehen haben. Nur in einem Punkt brach die leichte Schwungkraft ihres Weltanschauens zusammen: in ihrem Judentum. Denn sie gehörte zu jenen auch in der jüdischen Einschnürung nicht seltenen Menschen, die nicht mehr begriffen, um was sie leiden, und die sich weiter dem Leiden aussetzen, weil das Judentum für sie ein Unbegriffenes ist, das nicht untergehen darf. Denn es dauert so lange schon. Und vielleicht ist seine Sendung noch nicht gekommen. Und woher die Feigheit nehmen, wo frühere Generationen mehr ausgestanden haben. Was sich innerlich wie in einer tiefen und unüberbrückbaren Diskrepanz ausdrückt in dieser Frau, wurde auch äußerlich sichtbar. Ihr Gesicht war wie von einer Mondänen Ausgeglichenheit, alle psychologischen^Rätsel der Frau, die sich auflösend verschönen, lagen in ihren Zügen und daneben die Mystik des Ghettos, das Unbegreifbare, das sich nicht in verzerrtem Leid ausdrückt, sondern in einer Tiefe ihrer Augen, die grundlos war. Sie bekam neue Inhalte, je mehr sie die alten verlor. Man hätte sich denken können, daß sie morgen eine große Schauspielerin sei oder eine Tänzerin, oder übermorgen die Geliebte eines Großfürsten. So würde sie sicher beides niemals werden, weil unbewußt etwas sie festhält. sie war nicht eine von den dualistischen Seelen, die ihre Welt in den Sweatshop des Werktags und das Dirnentum des Sonntags trennen können, sondern die Sehnsucht nach einem anderen Sein drückte sich bei ihr in einer schmerzlichen Tragik unbewußt und versenkt aus. Manche Schönheit in Whitechapel

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