Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Tagebuchblätter aus Whitechapel
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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176 Norbert Einstein: nur nach außen für sie Gefahr: denn es kommen Stunden bei allen Juden, in denen ihr Aufgehen in der neuen Umgebung wie etwas empfunden wird, was gleichsam ohne die Segnung der Geschichte geschehen ist. Und es hängt mit der im metaphysischen Sinne irreligiösen Zeitströmung zusammen, daß sie für ein Problem, das dereinst im Religiösen oder doch Metaphysischen wurzelte, eine staatsrechtliche Lösung finden. Und in einem groben Verkennen dessen, was uns das Gegenwärtige in jüdischer Hinsicht bedeutet, in einer Unkenntnis dessen, daß man bestimmte historische Voraussetzungen nicht durch die vollkommenste Annäherung an die neue Umgebung auslöschen kann — ist für sie die jüdische Frage erledigt. Aber wenn wir die Geschichte der Kultur so erkennen, daß es in der menschlichen Geschichte überhaupt kein Problem gibt, das für alle Zeiten erledigt wäre, und alle Probleme einmal wiederkehren (wir quälen uns mit den meisten Problemen ab, für die schon Plato eine — für sich glaubhafte — Lösung fand), so ist es gewiß, daß auch das jüdische Problem einmal wiederkehrt, wenn auch nicht vielleicht mit körperlicher Gewalt, so doch sicher in der seelischen Not der innerlichen Wandlungen. Ich empfand das in der fashionablen Westendsynagoge, an einem hohen jüdischen Feiertage (nur gut angezogenes Publikum, * und wirklich Publikum, war da), als anstatt des ,,Schema Israel, Adonai elohenu, Adonai echad" ein schicker Rabbiner deklamierte ,,Hear, o Israel, our God, our God is only". Irgendwo mußte man das einmal gehört haben. Und das Premierenpublikum verstand die Worte, verstand aber nicht den Sinn (während es beim hebräisch gesprochenen Gebet meistens umgekehrt der Fall ist). Und ich wußte: bei all dem Unbegreifbaren, was die Zentralisation jüdischer Menschen bedeutet, bei all der Fülle der Probleme, die sich aus dem Jüdischen ergeben, bei der schier unbezwingbaren Macht des gegenwärtigen inneren Wandlungsprozesses, — das kann nicht der endgültige Zustand sein, in den sich das Judentum auflösen wird. Das kann nicht der bourgeoise Endpunkt einer langen Entwicklung sein und nicht der sanfte Landeplatz einer dereinst stürmischen Fahrt. Das kann nicht der letzte Ruhepol sein. Geschichtliche Entwicklungen sind unabsehbar, — dachte ich, als ich mich aus der fashionablen Synagoge flüchtete, um ein paar Ghettojuden noch zu sehen, wenn sie die alte, vermauerte Synagoge Whitechapels verließen, — geschichtliche Entwicklungen sind unabsehbar. Alle tiefen Kerne stecken in den Dingen, ehe sie zur Auslösung kommen. Das Judentum kann noch einmal steil zum Himmel schießen, und was sich in seiner Entwicklung durch Druck und Gegendruck veräußerlichte, wird letzten Endes den Boden finden, der die immanent schon erfolgte Entwicklung schafft. Entweder wird das Judentum mit einem letzten erschütternden Schrei untergehen, wird seine unverlierbare Kraft in neuen Formen ausgießen, oder es wird sich in einer vorläufig unübersehbaren Form neu gründen und befestigen. All dies ist möglich. Aber unmöglich ist es, daß das Jüdische, das uns ein Wunder bedeutet, wenn auch nicht ein mit ein paar Worten ausdrückbares, das eine Macht ist, wenn auch selbst eine negative, das Schattierungen und Besonderheiten kennt, die wir noch nicht begreifen — daß dieses Judentum in gesinnungslosen, unscharfen Palästen enden soll, in die man wie in Schauspielhäuser tritt, in denen uns betreßte Diener die Mäntel abnehmen und wir zur Seelenfeier am Jom-Hakipurim Platzkarten bekommen. Und an jenem Abend schien mir wiederum Whitechapel mit seiner hygienischen Unvollkommenheit die höhere und unverbrauchtere Kultur zu haben.