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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 173

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Tagebuchblätter aus Whitechapel
Date
1918-01-01
Page
173 (sequence 5)
Language
German
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Tagebuchblätter aus Whitechapel 173 Buntheit die Reise angetreten in eine ihnen zunächst nicht gemäße Umgebung. An Samstagnachmittagen traf ich oft in den Teehäusern des Westens wunderbar jüdische Mädchen, deren Bewegungen sich nicht in die müde und träge Bequemlichkeit dieser Räume einfügten. Jedesmal hatte ich das Gefühl, als habe jede Verpflanzung des Jüdischen die Gefahr der Zersplitterung. Das Ästhetische ist eine Gefahr. Aber es ist nicht die ästhetische Freude, die in Whitechapel sich so an diesen Mädchen blähte. Daß diese jüdischen Mädchen entwurzelt waren, sich am Samstag und Sonntag von Kavalieren bewirten ließen, in Samt und Seide gingen, sich in den eleganten Quartieren des Westend bewegten und in der Sonntagnacht wieder zurückschlichen nach Whitechapel, nach Petticoat Lane, in die Schneiderwerkstatt, in den „Sweatshop", das ist freilich ein Rätsel von beinahe unbegreiflicher Dimension. Aber Whitechapels Gesicht hat ein paar fremde Züge. Manche Kluft trennt eine Straße von der anderen. Manche Kluft trennt ein Geschlecht vom andern. Der über das Irren seines Kindes zürnende jüdische Vater, die Konflikte um des Sich-Entfernens vom Judentum willen, die Unsicherheit in der Spontaneität des Glaubens, der Form und des Inhalts des jüdischen Ursinns — all das treibt auch in das Gesicht von Whitechapel ein paar Falten, die nicht darüber hinwegtäuschen, daß aus der zweifellosen Harmonie dieser Welt ein Problem geworden ist. Das Problem allen Judentums, zu jubeln oder zu verzweifeln, zu gehen oder zu bleiben, selig oder unglücklich zu sein, das Problem jüdischer Seelenschwankung erhebt sich auch in Whitechapel, in jener Welt, die in ungetrübtem Festhalten an jüdischem Wesen dazu bestimmt war zu erhalten, festzuhalten, sich zu verbeißen in die alte Form der jüdischen Überlieferung. An denselben Schabbesnachmittagen, an denen in einem Akt gleichsam das Abbröckeln der jüdischen Frau sich dokumentiert, stehen die alten jüdischen Männer in den kleinen winkligen Synagogen und treten in jeder Woche wieder den Heimweg zu ihrem Judentum an. Soweit sie es verloren haben durch den emsigen Arbeitsbetrieb des auch industriell gewordenen Whitechapel, finden sie es wieder. Denn die alten jüdischen Männer sind der Gefahr entwichen und haben sie erkannt, auch ihren Tag, den Schabbes einzutauchen in die Rhythmik der außerjüdischen Beweglichkeit. Es liegt im Wesen aller Riten und aller zwar von innen her gefügten, aber nicht immer nach innen projizierten Gebräuche, daß auch dieser Schabbesnachmittag mit seinem Thoralernen, mit seinem Wiederfinden der religiösen Geistigkeit des russischen Ghettos, daß dieses Reproduktive nicht alle Teilnehmer bestimmend und tief trifft. So wie jede Zeitepoche gleichsam nebeneinander aus drei Faktoren sich zusammensetzt, der vergangenen, der künftigen und der aus Unbewußtheit und Kraftlosigkeit mit der alten mitgehenden Zeit — so klingt das Zusammenfallen der Stimmen zum „Omen" des Gebetes nicht aus gleicher Überzeugung. Ich sah merkwürdige Zwischenindividuen. Die aus Mutlosigkeit an der religiösen Form des Judentums festhielten, die aus einem merkwürdigen Fatalismus sich nicht von ihm abwandten, die aus einer Phantasielosigkeit und einer schlecht gedachten Tradition bei der Fahne blieben. Sie gingen noch in Schritt und Tritt zur Marschmusik. Verklangen aber die Töne der Marschmusik, waren sie auf eigene Initiative angewiesen, dann zerbröckelte ihre Religiosität und übrig blieb nur das sanfte Gedenken an die Melodien des Seders und ein paar in die Form hinaufragende Gebräuche, gleichsam wie ein Widerhall des Gedenkens an ein paar jüdische Sätze für den, der das

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