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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 174

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Tagebuchblätter aus Whitechapel
Date
1918-01-01
Page
174 (sequence 6)
Language
German
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174 Norbert Einstein: Hebräisch verlernt und vergessen hat. In ihnen ist der Schabbes in seiner Unzertrennbarkeit vom Jüdischen gefallen. Die Probleme Londons beginnen sie zu interessieren. Sie gleiten auch einmal hinaus aus den Mauern Whitechapels. Sie wissen vom Getriebe der Banken und der Docks, und das allgemeine Leben erwacht in ihnen zu einer schlecht unterdrückbaren Sehnsucht. Nicht nur das Merkantile treibt sie aus Whitechapel hinaus, nicht nur die höheren Preise, die in Tottenham Court Road gezahlt werden, sondern andeutende oder wissende Klänge haben in ihnen den Wunsch erzeugt, diese Welt kennen zu lernen. So wurde mancher der Whitechapelleute „Stockbroker0, verdiente viel Geld und sein Ruhm verbreitet sich mit der merkwürdig aggravierenden Form des Ghettos in der alten Heimat. Er lockt mehr und mehr. Und aus der Abgeschlossenheit und der in sich erfüllenden Welt wird ein Kommen und Gehen, ein Bleiben und Sich-Hinaussehnen, der alte Wandertrieb mit der Sehnsucht des Bleiben-Dürfens, die Zwiespältigkeit ersteht auch dort wieder, wo die Lösung ihres Schicksals sich erfüllen sollte. Die Kräfte verteilen sich nur. Es gibt keine Endgültigkeit. Der Prozeß des Umformens schweigt auch hier nicht stille. Das Schicksal des dem Pogrom entronnenen Juden ist nicht zu Ende. Die Juden haben zu viele Kulturen kennen gelernt, sind durch zu viele Länder gekommen, um nicht den Relativismus des Wertes und der Höhe im Blut zu haben. Sie haben nicht die sichere Wiege und den unverkennbaren Stammbaum primitiver Veranlagung. Haben sie auch auf ihrem Wege durch die verschiedenartigen Kulturen nicht alles Wesentliche der Epoche mitgenommen, so doch sicher dies: daß es auch andere Kulturen gibt. In dem aufklärbaren Prozeß, in dem sich unbewußtes Erleben zu einem Faktor der Seele und einer Besonderheit des Ichs umwandelt, wurde aus dieser Erfahrung die Veranlagung des jüdischen Menschen zum Relativismus. So hat die Welt für die Juden von Whitechapel nicht ihr Ende in Whitechapel. So beginnen auch von hier neue Wege zum neuen Leben. -So hat auch diese Verpflanzung keine Endgültigkeit. Und wenn auch Kräfte von außen her das Konzentrieren auf Whitechapel verhindern, wenn auch hier wiederum Kräfte am Werke sind, die wie in der ganzen Geschichte der Juden aus gleichsam anorganischen Ursachen den Organismus des Juden zu bestimmen suchen — der Kern der seelischen und körperlichen Abwanderung von Whitechapel liegt im Juden selbst. Die köstliche Blüte seiner Beweglichkeit findet hier den Ausdruck in schärferer und sichtbarerer Form als an anderen Stätten, an denen sich die Entwicklung des Juden von sozial niederen zu sozial höheren Stellen vollzieht. Eine merkwürdige innere Beweglichkeit steckt in diesen Menschen. Da sind Gespräche möglich von einer tiefen Innerlichkeit und Zerfahrenheit zugleich. Innerlich, weil die Wurzeln des Menschentums bis in die letzten Ausläufer verfolgt werden, und zerfahren, weil so tief auch die Wurzeln der Menschlichkeit sich hier erstrecken, sie auch ebenso leicht wieder auszureißen sind. Das war überhaupt vielleicht bislang gleichsam in den bürgerlichen Attitüden und in jenen, die uns weder im Schrifttum noch in der Kunst überliefert sind, die Wesenheit der jüdischen Menschen: daß die Kräfte dieser Menschen im Augenblick erstanden und sich im Augenblick wieder verloren. Daß sie nicht die gebändigte Innigkeit fanden, die das Schöpferische erfordert. Und so wie diese jüdischen Menschen in einem tiefen Eingehen auf ihr Los, auf ihr Schicksal, auf ihre Lebensweise, auf ihre Vergangenheit, auf ihre Zukunft, auf ihre Welt, auf ihren Glauben, wohl die Fähigkeit des Wissens, nicht aber die des Erkennens haben, so unterscheiden sie sich in

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