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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 172

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Tagebuchblätter aus Whitechapel
Date
1918-01-01
Page
172 (sequence 4)
Language
German
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172 Norbert Einstein: Judentums willen wurden sie beinahe totgeschlagen, um des Judentums willen suchen sie die neue Umgebung, die durch sie wiederum jüdische Umgebung wird. Diese Welt ist von einer wundersamen Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit zugleich. Sie ist unfruchtbar, weil das jüdische Lebenstempo nicht neue Formen findet, in die es sich ergießt, nicht den Lebensrhythmus hat, um in einer seltsamen Anpassung an die Umstände sich neue Formen zu schaffen. Und fruchtbar zugleich, weil nur eine große innere Glut fähig ist, aus diesen alten Formen neue Lebensenergien zu schöpfen. Whitechapel ist für die Entwicklungsmöglichkeit der Menschheitsgebilde eine ungeheure Fundgrube in jener Richtung, in der sich die Treue der Menschlichkeit an die alten Formen und Gebilde erweist. Aber wenn auch Whitechapel gleichsam in seinem Gefüge steril ist, wenn auch alles darauf hindeutet, als sei hier eine Zeitlosigkeit und eine Entwicklungsunmöglichkeit gegeben, so zeigen die vielfachsten Anzeichen, daß auch diese Welt nicht stille steht. Das Jüdische dieses Lebens ist das Gefäß, in das alle Formen gegossen werden und aus dem alles Leben geschöpft wird. Das Jüdische dieser Welt ist der Mittelpunkt, von dem alles ausgeht und zu dem alles wieder zurückkehrt. Das Judentum ist das Unvergängliche. Aber man läßt es fallen, überläßt sich der Begehrlichkeit der anderen Welt, schöpft aus einer neuen Welt neues Verlangen und neue Erregung. Die schönen jüdischen Mädchen, die die Schneiderwerkstätte, der „Sweatshop" die ganze Woche festhält, waschen sich am Freitagabend mit einer heiligen Zärtlichkeit. Der Arbeitsstaub entfernt sich aus den Poren ihrer Haut: sie ist noch von jener Geschmeidigkeit, die jüdische Frauen oft in den Bewegungen haben. Das Ghetto wird gleichsam abgewaschen und wo es schon zu tief sitzt, da ist die Kunst anderer Länder, anderer Städte oder anderer Straßen schon in diese Welt geflogen. Puderquaste und Schminkstift und die spärlichen Instrumente der Manicure entfernen alle Anzeichen, die nun einmal das Proletariat auf die schönsten Frauenzüge projiziert Der Freitagabend ist der Abschied vom alten Schicksal. Mit dem ganzen Temperament und der schnellen Vergeßlichkeit ihrer Rasse ist die ganze Vergangenheit wie ausgelöscht. Wie tief ist diese Sehnsucht, daß sie mit einer unsagbaren Lebensglut Zwischenstimmungen und Stadien überwindet, die sonst nur langsames Vorwärtsschaffen überwinden kann! Der Zweck ist zunächst im Hintergrund. Es gibt keine Frau, die nicht weiß, wie Frauen sind, wenn der ganze Zauber der Vollkommenheit und Gepflegtheit über sie hingegossen ist. Und die Sehnsucht steckt in jeder Frau, zwar nicht immer auszusehen, aber doch fühlen zu können wie jene. Die jüdischen Mädchen von Whitechapel haben aus jenem tiefen Gefühl des Sich-Steigerns ihrer Vergangenheit entsagt. Die Mädchen tragen ihre Kleider für sich, für die anderen und gegen die anderen. Als sich aber die vorübergehende Abwanderung von Whitechapel fühlbar machte, als die jungen jüdischen Männer in jenen für die Üppigkeit des Juden besonders bedeutsamen Schabbesnachmittagsstunden nicht mehr in das Whitechapel, sondern in das London stürzten, da hatten die geschmückten jüdischen Mädchen bald keinen Sinn mehr. Zunächst zogen sie immer noch in langen Reihen über die Breite der Straße, und diese schönen Frauen schienen so, als suchten sie nach ihrer Bestimmung. Sie waren gleichsam da und doch nicht da, denn eine letzte Sehnsucht treibt jede Frau zur Resonanz. Immer weiter haben sie sich dann vom Herzen ihrer Heimat entfernt. Immer weiter haben sie sich aus Whitechapel entfernt. Und die jüdischen Mädchen haben in ihrer

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