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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 171

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Tagebuchblätter aus Whitechapel
Date
1918-01-01
Page
171 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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Tagebuchblätter aus Whitechapel 171 Ich ging in eine kleine Kneipe. Außen stand „D. D." — es heißt wohl nicht so, aber die Leute jener Gegend sagten* von der Kneipe „Dirty Dick". Ich saß lange in einer Ecke. Da ich wenig trank und die übrigen viel, da ich mich leise verhielt und die übrigen laut, da ich nüchtern war und die übrigen nicht — da ich mit mir beschäftigt war, weil ich mich mit andern beschäftigte, aus allen diesen Gründen war es mit der Zeit zweckmäßig geworden zu gehen. Als ich aus der Kneipe kam, wußte ich, daß ich nie aus der jüdischen Kneipe hätte gehen müssen, weil die andern betrunken waren. Und das Rätsel, warum jüdische Menschen so selten betrunken sind, identifizierte sich gleichsam mit der Anschauung, daß nicht jede Armut dieselbe Armut sei, identifizierte sich mit dem Glauben, daß nicht jedes Elend dasselbe sei. Was lange in mir zitterte, hier wurde es zur unbestechlichen Klarheit, daß meine Sehnsucht nach Whitechapel nicht die Sehnsucht nach der Gemeinsamkeit mit diesem Schicksal war, sondern der Schmerz, warum es in der Welt so kam, daß sich die Trennung des jüdischen Schicksals erweisen will und auch gewissermaßen innerlich bedingt erweisen muß. So fand ich nach den Gassen Whitechapels zurück, ohne daß ich es kannte, ohne daß ich wußte, warum. So bog ich um die Ecke dieses jüdischen Schicksals, ohne die Theoreme der „Autoemanzipation" und des „Judenstaates" auf den Lippen zu haben und ohne in diesem Augenblick einen Zusammenhang zu empfinden zwischen diesem Gefühl und der „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte". Ich suchte nicht das Judentum. Denn dieses Judentum findet man nicht auf der Straße. So wenig man das Wesen des Kapitals erkennt, wenn man in die Organisation einer großen Fabrik hineinblickt, so wenig man das Wesen des Religiösen dadurch versteht, daß man in Gotteshäusern kniet oder sich seine Schuld und seine Menschlichkeit herunterbetet Das Jüdische ist eine Angelegenheit so sublimer Art, daß man durch die schärfste Dialektik immer nur sein Gebäude streift, daß durch jede noch so scharfsinnige und scharfsichtige Aussprache immer nur das weitentfernt erscheint, was die Kernfrage bedeutet, um die sich alles sammelt und alles reift. Aber in den Straßen dieses Stadtteils weht sofort das jüdische Schicksal. Dieses Schicksal ist zwar überall, wo jüdische Menschen zusammenkommen. Und es ist nicht zu leugnen, daß das jüdische Problem, das als Problem so tief ist, daß man es manchmal in seiner erdrückenden Wucht vergißt, auch noch dort ist, wo das Judentum in jener satten und befriedigten Bürgerlichkeit verharrt, die das Problem nur verschieben, nicht aber erledigen kann. Auch in Salons, in denen Juden über Literatur reden, ist das jüdische Schicksal. Es lockt an allen Enden, und durch eine kleine Unsicherheit und einen ganz kleinen Zwischenfall erscheint das schon vergessene plötzlich wieder im Mittelpunkt des Interesses. Nicht daß die Schilder an den kleinen Geschäften dieser Straßen jüdisch geschrieben sind, nicht daß die in vergilbten Büchern stehenden hebräischen Laute hier sehr lebendig und mit der jeder Sprache eigentümlichen Selbstverständlichkeit klingen, nicht Kaftan und Pejes runden dieses Bild als besonders jüdisches ab, sondern daß diese Menschen ihr Schicksal als Juden erleben, gab für mich den zwingenden Grund, alle Dinge hier als jüdische Dinge zu sehen. Als Juden wurden sie in Rußland verfolgt, als Juden wurden sie in der neuen Stadt nicht in einer unbeschränkten Ansiedlungsfreiheit aufgenommen, als Juden haben sie ihr neues Brot gesucht, jüdisches Brot vom jüdischen Bäcker haben sie wieder gefunden. Um des

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