Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Tagebuchblätter aus Whitechapel
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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i7o Norbert Einstein: oder das Leben in den Fischhallen von Billingsgate. Aber am Abend bei der Shawschen Satire gingen meine Gedanken immer wieder zurück zu der Unordentlichkeit von Petticoat Lane, zu ein paar merkwürdig erhaltenen jüdischen Gesichtern, zu Schmutz und einem Stück gleichsam geadelter Verkommenheit. Whitechapel ging in meinen Gedanken wie eine Welt, die in völliger Ahnungslosigkeit über ihre eigene Bestimmung lebt, wie eine Welt, die nicht Anfang und Ende kennt, und die in ihrer trostlosen Unkenntnis über ihre eigene Unentdecktheit lebt. Ich sah schon ein paar Züge dieser Straßen: sie kriechen aus Schmutz und Verkommenheit zu Licht und Kraft. Und was sie niederhält, ist ihre Abschließung von dem Herzen der Stadt, das in ihrer nächsten Nähe pocht. Was diese Straßen niederhält, ist ihre Mutlosigkeit, es mit der Umgebung aufzunehmen. Ich wußte den geschichtlichen Zusammenhang nicht: ob die Judenheit Whitechapel zu Whitechapel machte, d. h. zu jenem Eldorado des Müßiggangs, oder ob das vertriebene Bettelvolk, an dessen Leib noch der russische Pogrom zitterte, ob dieses schmutzige Exilgesindel eben eingefügt wurde in das schon gegossene Gefäß der Verbrechen, der Verdorbenheit und des Lasters. Ich sah in dem eleganten Theater, in dem ich eben saß, wie durch die Reihen des Pit und der Stalls das Unrecht, das begangen wird. Die Lady, die zunächst befriedigt war über meine zärtliche, chevalereske, aber immerhin doch deutsche Art, entfremdete sich immer mehr, als sie fühlte, daß in mir etwas erstand, was Frauen immer störend ist, wenn sie nicht Gemeinsamkeit empfinden: sie fühlte, daß in mir Unzufriedenheiten wuchsen, und sie mag das wohl der deutschen Ethik zugeschrieben haben. Ich sprach von Whitechapel. Ihr wunderbarer Gainsboroughmund nahm eine Form an, als ob sie ihn wasche, indem sie ihn verziehe. Sie schauderte vor dem Wort, obwohl sie von Petticoat Lane sehr lüstern und pikant sprach. Ich dachte an den deutschen, jüdischen Philosophen, der in einer Soziologie der Sinne es so wunderbar gefügt hat, daß die soziale Frage nicht allein durch ihre ökonomisch-materialistische und ethische Voraussetzung zu erklären sei, sondern daß die ,,soziale Frage auch eine Nasenfrage ist". Ich erzählte ihr auch von dieser merkwürdigen Ansicht und entfremdete sie mir dadurch. Zwei Tage darauf ging ich, gleichsam um mich noch einmal zu prüfen, nach Shoreditch. Hin und her zog mich die Welt dieser kleinen Leute. Die kleinen Straßen und Häuservierecke des Berliner Nordens erstanden, aber ist man um die Ecke, so ersteht schon wieder eine ganz andere Welt. Ich war unzufrieden. Das Allmenschliche, das in mir gemeinsam mit diesen Menschen zitterte, erwies sich als zu dünn. Ich sprach mitten im englischen Cockney plötzlich deutsche Verse vor mich hin, von jenem deutschen, jüdischen Dichter, dessen Worte damals erst ein paar Eingeweihte sprachen, und die ich aus einer Zeitschrift heraus ohne mein Zutun auswendig wußte: „O Herr, zerreiße mich", und dann die menschlichsten Worte, in denen die ganze Welt wie in einer Gemeinsamkeit sich um ihn sammelt und er sich für jedes Leid verantwortlich und sich in jedem Leid gedemütigt fühlt. Der Zirkusseehund, die Hure und das Arbeiterkind, das in den Fabriken „dieser elenden Zeit" darbt, gehen ihm gleich nahe. Was gehen mich die armen Juden an? Ist es nicht dasselbe Elend, das auch die Shoreditchleute drückt? Ist ihr Hunger anderer Hunger? Und ist ihr Elend anderes Elend? Und wenn dort in einer Spelunke aus dem Whiskygestank das ganze Elend dieser Welt strömt, ist das nicht dasselbe Elend?