Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 168 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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i68 Samuel Rappaport: Aus dem religiösen Leben der Ostjuden Diegeistig-stimmlicheErgänzungdes,,Kte lik", der einen fast unumgänglichen Bestandteil einer ostjüdischen Hochzeit bildet Das Badchentum ist ein selbständiger Beruf, dem sich Leute, die dazu das nötige jüdische Wissen, eine poetische und musikalische Begabung, neben einem angeborenen Mutterwitz besitzen, widmen. Wir finden unter den Badchanim sehr oft Leute von hervorragendem dichterischen und musikalisch kompositorischen Talent bei einem nicht geringen jüdisch talmudischen — vornehmlich aggadischen — Wissen, begleitet von unverwüstlichem Humor und ätzender Satire*). Viele poetisch-musikalische Schöpfungen, die die Badchanim vor vielen Jahrzehnten zum Ergötzen der Gäste auf Hochzeiten oder auf Jahrmärkten vorzutragen pflegten, leben noch heute als Volkslieder unbekannten Ursprungs in der ostjüdischen Gasse. Die meisten von ihnen und grade viele der schönsten sind bis heute nicht gesammelt. Zu den begabtesten uns noch bekannten Badchanim gehören ein gewisser „Ajser Schije" (Mitte des 19. Jahrhunderts), dessen Lieder bisher nicht veröffentlicht, aber bis heute noch in Galizien gesungen werden, jedoch bald der Vergessenheit verfallen dürften. Ferner Welwil Zbariser, der Verfasser des selbst im Westen bekannten Liedes ,,Muschiachs Zaten", der auf Hochzeiten wie auf Jahrmärkten seine Lieder für einige Groschen vorzusingen pflegte. Viele seiner Lieder, oder besser gesagt Texte seiner Lieder, sind in den von ihm selber herausgegebenen, heute ganz vergriffenen, 4 Heften „Makel choblim" erschienen. Die poetische Stärke seiner Lieder hat selbst bei dem so kritisch veranlagten Perez Smolenskin (im Haschachar I. Jahrgang) Bewunderung hervorgerufen. Das „Jeruschulaim-Lied" von dem seit Jahren verschollenen Beirach Safler wird im ganzen Osten gesungen, ebenso das Lied „Die Sache" von dem russischen sehr begabten Badchen Eljukim Zunser. Die „Badchanim" waren die Rhapsoden des ostjüdischen Ghetto. Sie wanderten von Stadt zu Stadt, von einer Hochzeit zur andern, von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, trugen dort ihre Lieder und ihre munteren Verse der ihnen lauschenden Volksmasse vor und verwandelten nach ihrem Wunsche die Gefühle im Herzen ihrer Zuhörer. Man muß so einen Badchen in seiner Tätigkeit gesehen haben, wie er den Hochzeitsgästen Tränen und Schluchzen entlockt und sie bald wie mit einem Zauberstabe zu vergnügten Sachen und glücklicher Stimmung bringt Der Badchen ist es, der unter Begleitung der Klesmer die Gäste bei ihrer Ankunft begrüßt. Kaum wird er eines Hochzeitsgastes ansichtig, so geht er ihm mit der Musik entgegen und ruft „Horaj! (Hurra?) ha-Row ha-Gwir usw. X. soll leben, die Musik spielt auf a lustig Stickale!" Unter den Klängen der Klesmer begibt sich nun der Gast in den Saal, dem Badchen wie der Kapelle ein Geldgeschenk in die Hände drückend. Inzwischen versammeln sich die geladenen Männer und Frauen in getrennten Sälen. Im Herrensaale sitzt beim langen Tische obenan der Bräutigam im seidenen Hochzeitsmantel und Streimel. man „Stempenju". Es dürfte dies wohl der erste jüdische Roman sein, der ins Deutsche übersetzt worden ist und zwar von Dr. Philipp Mansch in Lemberg, der die Übertragung in Lemberger „Israelit" etwa in den Jahren 1886—87 veröffentlichen ließ. *) In meinem in Brainins „Mimizrach umimaarab" Heft IV erschienenen hebräischen Aufsatze „Litchunat schire amenu" (Über das Wesen des jüdischen Volksliedes) habe ich mir die Bemerkung erlaubt: „Wer weiß, ob Heinrich Heine nicht bloß ein großer Badchen geworden wäre, wenn seine Wiege im Osten gestanden hätte.** Unter den Badchanim waren nicht selten Heinetypen zu treffen.