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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 4 · p. 167

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 4
Article
Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
Date
1918-01-01
Page
167 (sequence 5)
Language
German
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Aus dem religiösen JLeben der Ostjuden mitunter in seinem Nebenberuf Synagogendiener, oft ist aber das „Sarverturn" seine einzige Erwerbsquelle. Er besorgt in der Regel allerlei Requisiten zum Hochzeitsfest, wie z. B. Tische, Stühle, Teller, Eßbestecke und dgl., die er entweder sein eigen nennt oder irgendwo ausborgt. Zu seinen Spezialitäten gehört oft das Kochen der Fische zum Hochzeitsschmause, worauf er sich in der Regel sehr gut versteht. Er ist es auch, der die Hochzeitseinladungen in der Stadt verteilt. Mit dem Rufe „Gut Morgen Maseltow" kommt er ins Haus, die Einladung übergebend, der er noch mündlich zufügt: „Reb X. macht sein Kind Y. chassine in bet Ach zur Chuppe zi kimmen". Er ist auch der Sündenbock, dem man, zur eigenen Entschuldigung, in die Schuhe schiebt, jemand die Einladung nicht übergeben zu haben, den man zu laden vergessen hat. Zu den wichtigsten und charakteristischsten Elementen der ostjüdischen Hochzeit gehören überdies die „Klesmer" (vom hebr. Kle semer: Musikinstrument)r worunter man die Musikkapelle versteht, und der sog. „Badchen" oder „Marschalik". „Badchen" bedeutet hebräisch Witzbold, während das Wort „Marschalik" unbekannten Ursprunges ist. Das deutsche Marschall oder polnische Marschalek Vorsteher, Leiter, paßt in seiner Bedeutung nicht zur Rolle des „Marschalik". Manche, wie z. B. mein Lehrer Prof. Berliner s. A. wollen das Wort „Marschalik" vom deutschen „Narr-Schalk" ableiten, was wohl gut paßt und richtig sein mag. Das deutsche Wort dürften womöglich die Juden vor Jahrhunderten aus Deutschland nach Polen gebracht haben. Die „Klesmer" (darunter versteht man die ganze Kapelle oder bloß eins ihrer Mitglieder, man sagt dann die oder der Klesmer), auch (pluralisch) „Klesmurim", bilden eine Musikkapelle, bestehend aus drei bis sechs Mitgliedern, die ausschließlich auf Hochzeiten spielen. Sie sind immer unterwegs und fahren von Stadt zu Stadt, wohin sie zu Hochzeiten gerufen werden. Sie bekommen selten ein festes Honorar, es besteht vielmehr aus Geldgeschenken, die sie beim „Aufspielen" vom Brautpaar, Verwandten und Gästen erhalten. Auch wird ihnen ein Minimum des Ertrags garantiert. Sie haben für manche Begriffe eigene Worte, die sog. „Klesmersprache". So ist z. B. in ihrer Sprache das Wort „Schabbes" die Bezeichnung für Geld. Vergnügen sich z. B. die Mädchen allzulang bei einem Tanze, dann rufen die „Klesmer" während des Spieles laut „Schabbes!" „Schabbes!", was so viel heißt wie.: Gebt etwas Geld her, so werden wir weiter spielen. Die „Klesmer" sind keineswegs geschulte Musiker. Es sind dies in der Regel Autodidakten, die in der Jugend keinen Hang zum Lernen zeigten, aus eigenem Antrieb und instinktiver Vorliebe zu einem Instrument — fast immer zur Geige — griffen, es ohne jede fremde Unterweisung, mitunter mit geringer Hilfe eines älteren Klesmer, bald beherrschten und Berufsklesmer wurden. Es gibt unter ihnen viele, die ein bedeutendes Talent besitzen und vielleicht namhafte Künstler geworden wären, wenn sie die richtige Schulung erhalten hätten. Gleich jedem echten Künstler ist dem „Klesmer" sein „Fidale" sein zweites Ich, ohne das er nicht leben kann. Nur wenige von ihnen verstehen Noten zu lesen. In einer jeden Klesmerkapelle gibt es einen, dessen Geigenspiel im Solo unter Akkordbegleitung der „Zimbel" die Hochzeitsgäste in Versuchung versetzt. Es gibt solche, von denen man sagt, daß ihre Fiedel zu tanzen, zu lachen und bitter zu weinen versteht*). *) Ein herrliches Bild eines solchen Klesmer zeichnet Scholem Alejchem in seinem Ro-

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