Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 169 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101142-3103400--2474-3103439- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Norbert Einstein: Tagebuchblätter aus Whitechapel Neben ihm der Rabbiner und sonstige Würdenträger, die sogenannten Schatzbachurim*). Am Herrentisch wird über Verschiedenes gesprochen, dazwischen auch „Torah", gelehrte Einfälle und talmudische Erklärungen, die auf den Moment Bezug haben, zum Besten geben. Bei Tisch werden Getränke und „Lekach" gereicht, bei welcher Gelegenheit auch die „Ketubah" (der Ehevertrag), im aramäisch traditionellen Texte, geschrieben und von Zeugen gefertigt wird. Während dessen geht es im Frauensaale lustig zu. Die Mädchen und jungen Frauen verlangen zu tanzen und fordern die Klesmer auf zum Tanz aufzuspielen. Selbstverständlich tanzen Mädchen und Frauen nur untereinander. Manche, die es gut verstehen, produzieren sich mit einem „Kosak" (russischer sehr temperamentvoller Tanz) oder mit einem sogenannten Broiges (Schmolltanz), an dem zwei Tänzerinnen teilnehmen: Die eine will sich der zweiten im 2/d-Takt nähern, während diese schmollt und sich ihr gleichfalls im Takt geschickt entzieht. Endlich wird die Schmollende erreicht, und beide umarmen sich unter heiterem Beifall aller Anwesenden. (Schluß des Abschnitts folgt.) Baden bei Wien Samuel Rappaport TAGEBUCHBLÄTTER AUS WHITECHAPEL Heute fuhr ich bei einem meiner vielen Streifzüge durch Whitechapel. Mein englischer Freund erklärte mir notdürftig diese Gegend und schilderte mir das vagabundische und verbrecherische (alle Engländer glauben daran) Treiben dieser Stadtgegend. Ich saß wortlos im Motorcar und wußte, daß mein Begleiter mir diese Welt nicht erhellen würde und daß das elegante Schlendern im Motorcar durch Petticoat Lane oder Whitechapel Highroad keinen Begriff gibt von der Erscheinung und dem ganz besonderen Sinn dieser Welt. So ließ ich ihn reden über den Board of Guardians, die Toynbee Hall und alle möglichen Wohlfahrtseinrichtungen, über das äußere und innere Schicksal dieser Juden. Ich hatte Morris Rosenfeld gelesen und fand in ganz losem Zusammenhang auf dem Wege Verse dieses Dichters. Die Luxusausgabe dieser Verse beschämte mich ebenso wie der Umstand, daß mich das elegante Auto durch Whitechapel führte. Ich hatte im ersten Augenblick eine starke Beschämung jüdischen Gefühls. Ich erinnerte mich an deutsche Freunde, die genau so nebensächlich von ihrer Fahrt oder ihrem Besuch Whitechapels erzählten wie von der Begeisterung über ihre Frühstücke in englischenHotels. Ich war sehr verstimmt an diesem Tag. Ich erlebte das Va banque-Spiel, daß mich dieses jüdische Milieu nicht beleben und erregen könne, wenn ich mir Mühe gebe. Ich erlebte die Enttäuschung, daß, wenn ich mir jetzt heftig zurede, Whitechapel und diese ganz unerhörte jüdische Welt auch ein Blick sein könne durch das Londoner Kaleidoskop wie viele andere — wie das Leben an den India-Docks und die Geschäftigkeit der Regent-Street, wie ein eleganter Tea *) Das Wort Schatz(bachurim) stammt vom Worte Schas.: Anfangsbuchstaben der Worte Schischa Sidre (Mischna) d. h. Die sechs Gruppen der Mischna. Man versteht nun unter dem Worte Schatzbachurim die Kollegen, die mit dem Bräutigam Talmud zusammen gelernt haben sollen, was natürlich nicht immer der Fall gewesen sein muß. Die Benennung „Schatzbachur" hat mit der Zeit bloß formelle Bedeutung bekommen und bezeichnet die, unverheirateten, Freunde, die den Bräutigam zur Chuppeh begleiten.