Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Aus dem religiösen Leben der Ostjuden
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 166 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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i66 Samuel Rappaport: Der Begleiter bzw. Begleiterin ruft dem Toten ins Grab hinein: „X.! Dein Kind Y. hat heute Hochzeit und ist gekommen dich zur Chuppeh zu laden. Sollst kommen und sein ein meiliz jojscher (guter Fürsprecher) beim bet din schel mahlah (himmlisches Gericht), es soll sein in ein maseldiger schuuh (glücklicher Stunde), dein Kind Y. soll sich altern mit seinem siweg (Ehehälfte) in ojscher in kuwed (Wohlstand und Ehre) bis hundertundzwanzig Jahr". Es folgt die Rezitation des Totengebetes (el mole rachmim) durch den Friedhofskantor, wobei alles in lautes Weinen ausbricht und das Kind auf das Grab des Toten niedersinkt, ihn zu seiner Chuppeh ladend und um Fürsprache bei Gott anflehend. Überwältigend ist der Moment, wenn eine Mutter hier ihren toten Gatten mit einem weithin hörbaren Schmerzensschrei zur Chuppeh ihres gemeinsamen Kindes zu kommen bittet*). Im Hause werden inzwischen die letzten Vorbereitungen zur Chuppeh getroffen. Die Nächsten des Brautpaars legen die festlichen Sabbatkleider an (in Galizien die Männer die sabbatliche Kopfbedeckung, das sog. „Streimel");das Brautpaar die neuen Hochzeitsgewänder: die Braut ein weißes Kleid und Schleier, der aber das Gesicht vorläufig nicht verhüllt, der Bräutigam den Seidenmantel (Bekesche) und in Galizien das Streimel. Hierauf beten beide das „Minchah"-(Vorabend-)Gebet, in das nach der Tradition das Sündenbekenntnis (alcheth) des Versöhnungstages eingeschaltet wird. „Bete fromm und inbrünstig, denn heute werden dir alle Sünden vergeben. Du kommst rein vor Gott zur Chuppeh, wenn du das Gewesene vom Herzen bereust und gelobst, gut und gottesfürchtig zu sein", rufen die Eltern dem Kinde vor dem Gebete zu**). Schon etwa zwei Stunden vor der Zeremonie versammeln sich die geladenen Gäste. Geladen wird fast die ganze Stadt. Auch die nur oberflächlich Bekannten, ohne Unterschied ob reich oder arm, werden mit einem „Chassine billet" oder „Chassine briwel" bedacht, da es wie eine tödliche Beleidigung empfunden wird, wenn jemand nicht zur Hochzeit, selbst eines entfernt Bekannten, eingeladen wird, auch wenn er gar nicht daran denkt zur Hochzeit zu kommen. Man achtet deswegen darauf, so viele wie möglieh einzuladen. Die „Chassinebilleten" sind entweder in hebräischen Buchhandlungen (mocher sfarim) fertig zu kaufen, und es werden alsdann die leeren Rubriken durch Angabe der Namen der Eltern, des Brautpaars sowie des Hochzeitstermins ausgefüllt, oder sie werden besonders gedruckt. Sie sind in hebräischer schwülstiger Sprache abgefaßt und erteilen Eltern und Brautleuten, insbesondere dem Bräutigam Titel, die nicht selten stark übertrieben erscheinen. Die gekauften gedruckten Einladungen enthalten zumeist ein allgemeines Gedicht, das im Akrostichon die Worte: „Kol chatan wekol kallah" (Stimme d. i. Jubelruf des Bräutigams und der Braut) enthält. Die besonders gedruckten Einladungen haben im Akrostichon den Vornamen des Bräutigams und der Braut. An Auswärtige werden die Einladungen natürlich mit der Post versendet. In der Stadt verteilt sie persönlich der „Sarver" (vom Französischen servir bedienen) oder auch „Server", wie er in manchen Gegenden benannt wird. Der „Sarver" ist das unentbehrliche Faktotum einer ostjüdischen Hochzeit. Er ist *) In Palästina hat sich, wie ich dort bemerkt habe, die Sitte, die toten Eltern zur Hochzeit ihres Kindes zu laden, bei jüdischen Familien, die noch vor einigen Generationen aus dem Osten dorthin gekommen sind, bis heute erhalten. In derselben Weise wie in unserem Osten habe ich in Jerusalem am jüdischen Friedhof am Ölberge eine solche „Einladung" miterlebt **) Nach Talmud Jeruschalmi Traktat Bikkurim Abschnitt 3 werden dem Bräutigam am Hochzeitstage alle Sünden verziehen.