Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Bedeutung der Araberfrage für den Zionismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 155 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Bedeutung der Araberfrage für den Zionismus 155 vielfachen; Konserven- und Marmelade-Industrien werden entstehen. Neben diesen meist auf den Absatz angewiesenen Industrien werden aller Voraussicht nach das Bau- und Textilgewerbe einer großen Ausdehnung entgegengehen. Die Bauindustrie, die bereits vor dem Kriege vor allem durch die jüdische Einwanrung einen bedeutenden Aufschwung erlebt hat, wird sich naturgemäß durch diese steigern, und auch die Araber werden ihrer immer mehr bedürfen, je mehr sie europäische Häuser in ihrer nächsten Umgebung sehen und die Hebung ihrer wirtschaftlichen Lage ihnen Gelegenheit gibt, verfeinerten Bedürfnissen auch in der Wohnungsfrage nachzukommen. Von der Textilindustrie gilt dies in verstärktem Maße. Das Kleidungsbedürfnis des Orientalen, dessen Einkünfte auch nur um ein Geringes über die Befriedigung seiner elementarsten Bedürfnisse hinausragen, ist, wie allgemein bekannt, besonders auffallend und seine Begabung für das Textilgewerbe sprichwörtlich. Hier liegen noch große Entwicklungsmöglichkeiten. Ein größerer Aufschwung der Industrie gibt Juden und Arabern so reiche Erwerbsmöglichkeiten, daß ernsthafte Spannungen zwischen beiden Völkern, zumal die arabische Bevölkerung auch in den nächsten Jahren sehr langsam zunehmen dürfte. Dieser industrielle Aufschwung ist um so eher zu erwarten, als — und damit ist die zweite Hemmung beseitigt — sich auch der Inlandsmarkt in Palästina durch die Weiterentwicklung der Landwirtschaft sehr steigern wird, und damit sind wir bei der unserer Ansicht nach wichtigsten und bedeutsamsten Frage für die Entwicklung ganz Palästinas: der Einwirkung der Juden auf die arabische Landwirtschaft. 6. Den Kern der Wirtschaft Palästinas wie der Türkei bildet die Landwirtschaft; sie ist — ich darf auf meine Ausführungen in den Neuen Jüdischen Monatsheften zurückgreifen — die Grundlage der arabischen Wirtschaft und bleibt von europäischen Methoden und Erträgnissen noch weiter entfernt als die Wirtschaftsweise der städtischen Bevölkerung. Hier bietet sich für eine Europäisierung das reichste Feld, die schönsten Entwicklungsmöglichkeiten. Und unserer Ansicht nach sind die Juden auch für diese Arbeit sehr geeignet. Die arabische Landbevölkerung wird, nachdem sie Jahrtausende lang dieselbe Wirtschaftsform gepflegt hat, kaum die Initiative finden, durch unablässige Arbeit, durch immer wieder angestellte Versuche zu einer völlig neuen Wirtschaftsweise zu kommen. Einzelne Neuerungen würde sie sich aneignen können, um aber zu einem seiner bisherigen Wirtschaftsweise kaum noch ähnlichen neuartigen Wirtschaftssystem zu kommen, dazu ist der Fellache seiner ganzen Veranlagung nach zu konservativ, zu traditionell, zu schicksalsergeben, dazu braucht er eine stark ins Auge fallende Einwirkung von außen her. Von wem soll diese kommen? Die erste Antwort lautet natürlich: Von der türkischen Regierung. Doch was kann diese in absehbarer Zeit tun? Sie kann durch alle möglichen Methoden (landwirtschaftliche Versuchsanstalten, Wanderlehrer, Belehrungen über ländwirtschaftliche Maschinen, über Verwendung von künstlichem Dünger) theoretisch auf die einheimische Bevölkerung zu wirken suchen. Große durchschlagende Erfolge sind unserer Ansicht nach davon nicht zu erwarten. Der Araber steht augenblicklich noch nicht auf dem Niveau, durch lehrhafte Methoden in seiner Lebens- und Wirtschaftsführung nachhaltig beeinflußt zu werden; sollte dies jedoch der Fall sein, so würde es jedenfalls langer Jahrzehnte bedürfen, um