Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Bedeutung der Araberfrage für den Zionismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 154 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101142-3103399--2457-3103424- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
154 Fritz Sternberg: besondere die Zahl der städtischen Juden sich weiterhin stark vermehren wird? Wird diese die Wirkung auslösen, den Konkurrenzkampf zwischen Juden und Arabern weiter zu verschärfen und (wie bereits behauptet wurde) zu einer Proletarisierung der arabischen Städter beizutragen? Wir glauben, daß nichts falscher ist als diese Folgerung. Sie würde vielleicht zutreffen, wenn das Land auf demselben wirtschaftlichen Niveau stehen bleiben würde, wenn die wirtschaftliche Stagnation, in der sich die größten Teile der einheimischen Bevölkerung vor dem Kriege befanden, in verschärfter Form auf das ganze Land übergreifen würde. Unserer Ansicht nach wird die jüdische Einwanderung die durch sie veranlaßte Übervölkerung zugleich wieder beseitigen. Wir erwähnten zwar, daß die Juden, die nach Palästina kamen und kommen werden, im allgemeinen nicht Vertreter des westeuropäischen Industrie-Kapitalismus sind; aber daß sie die Befähigung zur Großindustrie besitzen, haben sie in Europa — und nicht zum mindesten in Deutschland — derartig bewiesen, daß man nur an diese Tatsache zu erinnern braucht. Ich will bei den industriellen Möglichkeiten nicht allzulange verweilen, verweise insbesondere auf die Darlegungen von Ruppin, Trietsch und Nawratzki. Nur daran sei erinnert, daß die beiden Momente, die das Aufkommen der Industrie besonders gehemmt haben, bald völlig beseitigt sein werden. Zunächst: Die türkische Industrie war gegen die alte europäische Industrie nur durch einen kaum ins Gewicht fallenden Zoll von n, früher 8 °/0 geschützt, der natürlich nicht im mindesten ausreichte. Und dieser wurde bis in die letzten Jahre vor dem Kriege noch dadurch häufig illusorisch gemacht, daß bei einer Beförderung von einer Provinz in die andere derselbe Zoll von 8°/0 erhoben wurde. Die Folge war natürlich, daß die europäischen Industrien die palästinensischen gar nicht aufkommen ließen. Der Krieg hat der Türkei durch die Beseitigung der Kapitulation erst die Möglichkeit gegeben, eine gesunde Zollpolitik zu treiben, wodurch die Schaffung eigener Industrien naturgemäß stark erleichtert wird. Aus der großen Zahl der geplanten gesetzgeberischen Maßnahmen sei weiterhin auf die Reformierung des gesamten Steuerwesens hingewiesen, das für Palästina in der Beziehung wichtig ist, als der kleinbäuerliche Betrieb wenigstens soweit entlastet werden soll, daß der Fellache nicht weiter in solcher Dumpfheit einherschreitet wie bisher; sodann auf die Reformierung des Rechtsverkehrs, die der Europäisierung insoweit entgegenkommt, als durch die Schaffung eines Hypothekenwesens und Kleinkreditwesens sowie eine Vereinfachung der Besitzverhältnisse des ländlichen Eigentums der wirtschaftliche Verkehr sehr erleichtert wird. Die Türkei wird nach dem Kriege — schon aus finanziellen Gründen — alle Hebel in Bewegung setzen, die einheimische Industrie zu schützen, weiter zu entwickeln und neue Industrien zu entfalten. Die politische Konstellation wird eine türkenfeindliche wirtschaftliche Politik unmöglich machen; damit ist für Palästinas Industrie-Entwicklung sehr viel gewonnen. Unserer Ansicht nach werden in einem Agrarland wie Palästina alle landwirtschaftliche Produkte verarbeitenden Industrien ein weites Betätigungsfeld haben. Hier würde die industrielle Entwicklung besonders unter der jüdischen Bevölkerung zunächst einsetzen, zumal in diesen Punkten bereits einiges geschaffen worden ist. Wein-, Öl- und Seifenindustrien können ihre Ausfuhr ver-