Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Bedeutung der Araberfrage für den Zionismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 150 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101137-3101142-3103399--2453-3103420- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Fritz Sternberg: ihm verwachsen; sie wollen ihr Schicksal und das ihrer Kinder und Kindeskinder in Palästina auf festen altheimatlichen Boden stellen. Das gibt ihnen eine ganz andere Einstellung zu dem Leben der Araber, eine ganz andere innere Beziehung; und diese wird ihnen gegenüber den Arabern, deren größter Teil Mohammedaner sind, dadurch sehr erleichtert, daß sie, wie allgemein bekannt ist, keine Missionstendenzen verfolgen, was der Tätigkeit vieler christlichen Gesellschaften im Orient sehr stark geschadet hat. Auch dieser Umstand ist bei einer Durchdringung orientalischer Wirtschaft mit europäischen Wirtschaftstendenzen von höchster Bedeutung, denn einen der stärksten Gegenpole bildet der islamische Fanatismus. Junge, ebenso Professor Becker und Schulmann betonen immer wieder, daß der Islam an sich keineswegs einer Fortentwicklung der Wirtschaftsform feindlich gegenüberstehe, sondern daß es durchaus darauf ankomme, von wem diese Neuerungen ausgehen. Auch in diesem Punkte scheinen mir in Palästina gerade durch die Einwirkung der Juden besondere günstige Voraussetzungen zu bestehen. Im ganzen Orient stehen die Mohammedaner den Juden näher als den Christen. Christenverfolgungen hat es in der Türkei gegeben, Judenverfolgungen niemals. Und dessen waren sich auch die Juden bewußt, sie betrachteten die Türkei geradezu als einen Zufluchtsort, wenn sie anderweitig verfolgt wurden. So wandten sie sich nach ihrer Vertreibung aus Spanien um die Wende des 13. Jahrhunderts nach der Türkei, die die Einwanderer hilfreich aufnahm. Daher dürfte sich wohl dieser Fanatismus gegenüber dem Neuen im Verkehr mit den Juden weniger zeigen, wie ja auch Junge hervorhebt, daß sich die bucharischen Juden diesem orientalischen Fanatismus gut anzupassen vermochten. Die Anpassungsfähigkeit des Juden an den Orientalen und ihre Wesensverwandtschaft hat freilich noch tiefere Gründe als Ähnlichkeiten der Rasse und der Sprache. Der Jude steht dem Orientalen seelisch weit näher als irgendeine europäische Rasse, ja die Ostjuden sind auch heute noch fast Orientalen. Für den Morgenländer — ich kann dies hier kaum andeuten und verweise insbesondere auf Martin Bubers Werk „Vom Geist des Judentums" — ist die Einheit das Kennzeichnende: Religion, Sitte, Kultur, Recht, Wirtschaft sind nicht voneinander getrennt, sie stehen in unauflöslichem Zusammenhang. Diese Einheit ist nicht eine Summe von Teilen, sondern sie ist vor den Teilen, durchdringt jeden einzelnen. Eine autonome Entwicklung irgendeines einzelnen Kulturgebietes ist im Orient undenkbar. Darin kann sich der Abendländer niemals einleben; er kann es vielleicht verstandesmäßig erfassen, begriffsmäßig formulieren und seine äußeren Maßnahmen damit in Einklang zu bringen suchen, aber er wird ständig vor diesem Wunderbaren stehen, es niemals nachzuerleben vermögen. Hätte es noch eines Beweises dafür bedurft: Junges ganzes Buch gibt Zeugnis davon; die abendländischen Russen waren absolut unfähig, das orientalische Leben wahrhaft zu erfassen. Ganz anders der Jude: denn dieser ist, man lese Bubers Worte das. Seite 42, in seinem tiefsten Kerne Orientale geblieben. In ein Schlagwort zusammengedrängt, können wir sagen: Palästina ist das einzige orientalische Land, in dem wahrhaft innere Beziehungenzwischenden Bewohnern, den Arabern, und den Trägern der europäischen Wirtschaftskultur, den Juden, bestehen. 3-. Wenn wir jetzt dazu übergehen, die bisherigen Beziehungen zwischen Juden und Arabern, zwischen jüdischer und arabischer Wirtschaft darzulegen und einer kritischen Würdigung zu unterziehen, so dürfen wir keineswegs eine wissent-