Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Die Bedeutung der Araberfrage für den Zionismus
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 148 (sequence 2)
- Language
- German
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148 Fritz Sternberg: Produkte durch ihre Umgebung angewiesen; bei den mittelalterlichen Städten ist die Entstehung aus Dörfern nicht zu verkennen. Landwirtschaftliche Nebenbeschäftigung war für ihre Bürger selbstverständlich. Ebenso ist's heut in Palästina; bis auf Jerusalem — und dieses verdankt seine Größe nicht ökonomischen Gründen — sind die palästinensischen Städte Kleinstädte. Ihre arabischen Bewohner sind — auch hier zeigen sich parallele Züge zu denen, die Sombart als charakteristisch für das Mittelalter ansieht — Gewerbetreibende, Händler, die in ihrer Gesamtheit nicht als Vertreter eines kapitalistischen Wirtschaftssystems anzusehen sind, sondern sich mit einem geruhsamen, ihre Bedürfnisse befriedigenden Leben begnügen. Die Technik ist empirisch, traditionell, der Lebensstandard im allgemeinen gleichbleibend. Konkurrenz ist wenig zu spüren, da die Bevölkerungszahl ziemlich konstant ist. Auf dem Lande eine Technik, die Auhagen scherzhaft ein lebendes Altertumsmuseum nennt, die aber den geologischen, geographischen, klimatischen Bedingungen des Landes angepaßt ist. Die Wirtschaft der Bauern ist vom Prinzip der eigenen Bedarfsdeckung beherrscht; zum größten Teil kann man sie als autarkisch bezeichnen. Die Fellachenbevölkerung ist auf ein Existenzminimum angewiesen; in den letzten Jahrzehnten eine weitere Steigerung des Großgrundbesitzes: das ist die wirtschaftliche Signatur des Landes, das einst die Heimat der Juden war, das sie heute zu neuem Leben erwecken sollen. Wie wird sich der Zusammenprall zwischen jüdisch-europäischer und ara-% bischer Wirtschaft vollziehen? Man könnte annehmen, daß man in anderen Gebieten des Orients, in der Türkei z. B., in Ägypten, in Turkestan Analogien für die Entwicklung Palästinas finden könnte, da ja auch dort Europäer entscheidenden Einfluß auf die Entwicklung orientalischer Wirtschaft gewonnen haben. Diese Annahme wäre irrig oder doch nur sehr bedingt richtig. An anderer Stelle (im ersten Dezemberheft der Neuen Jüdischen Monatshefte) habe ich ausgeführt, daß schon die Zahl der Juden im Verhältnis zu den Arabern eine unverhältnismäßig größere ist, als z. B. die der Engländer zu den Bewohnern Ägyptens, der Russen zu denen Turkestans, und habe dort zu zeigen versucht, welche wesentlichen Vorzüge vor allen andern Methoden ständige lebendige Einwirkung auf die Umgestaltung orientalischer Wirtschaft und Kultur hat. Junge betont in seinem meisterhaften Werk mit Recht, daß die Russen nur in die letzte Phase der Sachgüterbeschaffung eingegriffen haben; von der Betätigung der europäischen Großmächte in der Türkei gilt das gleiche — wenn sie nicht gar aus politischen Gründen die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei ins Negative zu wenden bestrebt waren —, und auch die Tätigkeit der Engländer in Ägypten war eine von außen hereingetragene; ihnen war die ägyptische Wirtschaft nichts anderes als Mittel zum Zweck, ihre Politik analog der Kolonialpolitik des Merkantilismus. Für die Juden dagegen ist es unerheblich, ob ihnen der augenblickliche Verkehr mit den Arabern Vorteile bringt; da sie sich in Palästina die wirtschaftliche Grundlage für die Entfaltung ihres Volkstums schaffen wollen, sind für sie dauernde Beziehungen zu den Arabern das Entscheidende. Von innen heraus sind sie daher bestrebt, die arabische Wirtschaft auszugestalten. Dies wird ihnen, wie ich a. a. O. ausführte, durch ihre verhältnismäßig große Zahl erleichtert. An dieser Stelle wollen wir noch einiger — scheinbar außerwirtschaftlicher — Faktoren gedenken, die für das Verhältnis von Juden und Arabern von wesentlicher Bedeutung sind und für die Entwicklung Palästinas ganz spezifische Bedingungen schaffen.