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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 3 · p. 143

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 3
Article
Glossen zum jüdischen Jugendtag in Wien
Date
1918-01-01
Page
143 (sequence 2)
Language
German
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Bemerkungen 143 Besinnung und gefühlsgemäße Tat Unter verschiedenen Verzerrungen und Entstellungen, wie etwa gar als Geist und Materie, Geist und Kraft, Intellektualismus und Körperlichkeit, Nachdenklichkeit und Sinnlichkeit, ging es in der Debatte des Sonntags immer um den Gegensatz derer, denen Tat erst aus Besinnung fließt, und deren, die gerne Tat ohne Besinnung und Besonnenheit tun möchten. Das möchten sie und wissen nicht, daß ohne Besinnung nur Betätigung, aber nicht Tat sein kann. Wollen sie sich nicht selber besinnen, um sich allem Gedanklichen fernzuhalten, dann wird ihnen nichts anderes bleiben, als von der Tat zu lassen, oder sich von anderen besinnen zu lassen. Dies fühlen sie vage und fürchten darum alle wahre Autorität. Gut und recht so! Hütet euch vor aller Autorität, aber vor allem hütet euch vor der Autorität der eigenen, einmal erworbenen Meinung! Denn dies ist der böseste Autoritätenkult. Denn er will dann das Denken anderer und das eigene Denken in Bann tun, um nur ja nicht seine aufgetürmte Autorität der zusammengebauten Welt der Vormeinungen erschüttern zu lassen. Augenblickweise konnte man meinen, es habe sich die Gedankenlosigkeit und Denkträgheit organisiert und eine Art geistigen Schlaraffenlandes begründet. So meldeten sich auch einige Wortverfechter der Tat-aus-Gefühl, die mit naiver Selbstgenügsamkeitversichern: „Alle Tugenden, von denen ihr wollt, daß die Jugend nach ihnen streben soll, die haben wir natürlich von vornherein und selbstverständlich, mit Ausnahme der „Unbedingtheit", denn von der wissen wir nicht, was sie ist. Und eure Besinnung brauchen wir schon garnicht, denn unser Gefühl ist uns klarer Sinn und weist uns gerade Bahn. Alles Besinnen durch Nachdenken geht auf Kosten des Gefühls, trübt es und macht es unsicher." Wißt ihr denn nicht, daß auch das Gefühl nur eine Teilmacht der Seele ist und daß es darum heißt: in deiner ganzen Seele? Und was wäre Besinnung anderes, als daß die ganze Seele mit Richtung gefüllt werde, auch auf die Gefahr hin, daß dabei gedacht und sogar nachgedacht werden müßte. Allein bei den Schomrim fürchte ich nichts, obgleich sie an dem Irrtum dieser Einstellung Teil haben, denn ich weiß, daß immer wieder Führer unter ihnen die Funktion der Besinnung für einen ganzen Kreis übernehmen werden. Was schadet es dann, wenn nicht die ganze Masse der Schomrim dies in Klarsicht vor sich hat, gehen sie doch auf gesegneter Straße. Nur Eines zur Berichtigung ihr Schomrim! Der Gegensatz, um den es hier geht, kann doch nicht der von Geist und Kraft sein, denn Kraft ist durchaus Geist. Es handelt sich aber um den Unterschied von Problematiker und Elementaraktiver, den Buber vor acht Jahren an dem Beispiel Herzls klargelegt hat*). Aber programmatisch wird es sich wohl nicht erreichen lassen, durch ein Erziehungssystem elementaraktiv oder problematisch zu werden. Und wenn es selbst gelänge, wäre Besinnung dadurch unnötig gemacht? Um noch von Geist und Intellekt zu sagen, was einfach und doch jenen unbekannt ist, die Geist und einen „Geist" scheuen: Mehr Geist ist am Werk, wenn ein guter Schuhmacher ein Paar Schuhe flickt, als wenn ein Philosophieprofessor normalen Kalibers Philosopheme flickt. Denn nicht auf die Summe des Intellektualen kommt es dem Geist an, sondern auf die Einheitlichkeit seiner Bauten. Das solltet ihr betonen, anstatt aus leerer Verwechslung von Geist und Nachdenklichkeit falsche Schlüsse zu ziehen. Nur zum kleinsten Teil ist der tiefere Grund dieser Gegensätzlichkeit die Angst Einzelner, die ihrer Seele nach Intellektualisten sind, vor dem Intellektualismus. Aus der Verteilung dieser Anschauungen ergibt sich auch ihr tieferer Kern. Wo die Jugendbewegung sich umittelbar an den Einzelnen wendet, da macht sie ihm die Besinnung durch einen einheitlichen Geist nötig, und ihm geht es dann um Besinnung. Wo aber die Jugendbewegung ihren stärksten Ausdruck im Gruppenzusammenschluß, in der Kameradschaft und Gemeinschaft hat, da gibt der Einzelne die Besinnung ganz oder zum Teil an die Gruppe als Einheit ab, die ihn erst besinnt. Wo er nun doch als Einzelner worthaften Ausdruck sucht, da wird das Glück, daß er in einer höheren Einheit besonnen wurde, zum Irrtum : es gehe nicht um Besinnung, sondern um gefühlhafte Tat. Keinem wahrhaft Jugendlichen wird es aber einfallen, was mit so viel Lärm von einem betont wurde, der in sich nur seine Meinung als Autorität kennt: so sehr von dem Elend jüdischer Massen auszugehen, daß er die ganze jüdische Jugendbewegung nach der Judenheit, anstatt nach dem Judentum orientiert wissen will. Im Gegenteil ist es der Jugendlichen Aufgabe, die Judenheit am Judentum zu be- *) M. Buber: Er und wir. Sondernummer der „Welt" vom 20. Mai 1910; wieder abgedruckt „Die jüdische Bewegung", S. I97ff.

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