Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1918-01-01 · Heft 3 · p. 144

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 3
Article
Glossen zum jüdischen Jugendtag in Wien
Date
1918-01-01
Page
144 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3101111-3101137-3101141-3103331--2443-3103390
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

144 Bemerkungen wältigen. Eher würden wir die Judenheit dezimiert wissen wollen, als das Judentum entstellt und verunreint. Welches Glück, daß die Tagung am Sonntag, die zwar schließlich zum Zusammenschluß der gesamten jüdischen Jugendgruppen Österreichs führte, aber von so viel Kleinsicht getrübt war, Rahmen hatte an Bubers unauswischlichem „Widerstrebet!" und der Wanderung; denn dies waren Stunden der Einung. Ernst Elijahu Rappeport Schaffensentscheidungen im Judentum Wie weit auch in der Seele des Juden das Judentum mit Lebensfreude bejaht und einer geistigen Durchdringung, einem Ausgehen in allen Lebensmöglichkeiten zugeführt sei, irgendwie in seinem Schaffen erlebt der einzelne Jude darin immer noch eine höchstpersönliche Entscheidung. Und da das Judentum geistig sich erneuern soll aus den Individualitäten, deren Zusammenfassung in einer neuen Lebensform des Geistes uns gelingen soll, dürfen wir getrost die Schaffensfrage der jüdischen Persönlichkeit als die Schicksalsfrage der jüdischen Erneuerung ansprechen. Was sich darin entscheidet, ist die Entscheidung des Lebenskampfes des Judentums. Die Individualitäten, Träger unserer höchsten inneren Welt, Gipfel für das Ermessen der Bereitschaft der Natur, in uns Leben vollkommen werden zu lassen, ringen in ihrem höchstpersönlichen Kampf um die Daseinsbedingungen zugleich die Erneuerungsberechtigung ihrer natürlichen Mitwelt aus. Das Judentum, das in seinen Menschen die Willensantriebe, die aus ihm hervorgehen können, in die weite Geisteswelt der verschiedensten Kulturkreise verpflanzt hat, steht vor der Grundfrage, ob eine solche Zusammenfassung seiner nun anderen Menschheitskulturen schon so völlig anvertrauten Individualitäten zu einer eigenen neuen, jüdischen Lebensform überhaupt gelingen kann, und ob nicht der innere Menschenreichtum seines natürlichen Lebenskreises langsam schwinden müßte, wenn all die unendlichen Antriebe zur seelischen Hochzüchtung, die es dadurch empfing, daß es seine Schaffenden ganz der Welt hingeben konnte, nach und nach unwirksam werden. Ganz unabhängig von der Entscheidung fürs Judentum, wie es im Prozeß der Individualitätenbildung ohne eine Lebensverringerung sich selber weiter steigern kann, ohne seine Individualitäten für die jüdische Lebensform ungenutzt zu lassen, ersteht in der Seele des jüdischen Schaffenden selbst die ungleich gewichtigere Frage, ob er an der jüdischen Lebensform mitschaffen kann, ohne sich seiner schaffenden Bestimmung, seiner individuellen Geisteszugehörigkeit zu entziehen. Denn der entschlossenste Wille einer Gruppe jüdischer Edelmenschen, die ein neues Zion bauen wollen, schafft im Born der Natur die Individualitätenansätze nicht um, das Zion der innerlich Aufrechtesten wird noch lange, lange sich das Schaffen unserer bahnbrechendsten Geisteskämpfer, gerade der Juden, in denen die Natur völlig neues Licht der Erde spendet, fernhalten, solange die schaffende jüdische Persönlichkeit ihre geistige Verbindung mit der Welt, ihre Schaffensvoraussetzungen, in bestimmten anderen Wesenskreisen findet. Und die schaffenden Juden, die dieses neue Entscheidungsbangen vor sich sehen, stehen in dem tragischsten Konflikt, den der Weltgeist in einer Menschenseele entfachen konnte. Wir meinen, daß der jüdischen Persönlichkeit dieser Konflikt nicht erspart werden kann. Er ist selbst nur der Ausdruck der Weltgröße des Judentums, das seine lebendigen Strahlen so in die Welt versenkt hat, daß es sie nicht mehr zurückrufen kann in die Lichtheimat. Überall fühlt sich der Jude sicher im Geist als in seiner eigentlichen Heimat, fragt er sich aber nach dem Leben des Judentums in seinem Geist, so wird er gleich völlig zitternd, unsicher in der Welt. Wir haben die bloße Erscheinungsgröße des Judentums noch zu wenig in uns aufgenommen, um die einfachste Identitätsgleichung vorzunehmen und uns völlig sicher zu sagen: das Judentum sind wir selber in all unserem Geist. Wird daher nach dem Judentum gefragt — und daß überhaupt gefragt werden kann, ist ein schlimmes Zeichen —, so suchen wir es überall außer uns, in einer Geisteswissenschaft, einer Lebenslehre, nur auf uns selbst verfallen wir bis zuletzt nicht. Daher der Jude, heimatberechtigt im ganzen Geist, seine Heimat darin verliert, wenn das Judentum an ihn seine sittliche Forderung stellen wollte. Denn der Jude unserer Zeit ist noch nicht so weit, ins Judentum tatsächlich alle Individualitäten unseres Lebenskreises einbeziehen zu können er entwirft immer erst ein Mosaik aus bestimmten Individualitäten, aus denen sich etwas geistig rein Figurales ergibt, das er dann als Judentum festhält. Sogar das lebendige Streben unserer jüdischen Erneuerung um vergangene, sonst unzugängliche Kulturwerte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.