Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Glossen zum jüdischen Jugendtag in Wien
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 142 (sequence 1)
- Language
- German
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BEMERKUNGEN Glossen zum jüdischen Jugendtag in Wien (am 18., 19. und 20. Mai 1918) Äußerlichkeiten Es scheint ein Äußerliches, daß der große Musikvereinshaussaal während zweier Tage von jüdischen Jugendlichen erfüllt war, gefüllt bis in die oberste Galerie. Es wird zu bedeutsamer Tatsache, wenn man die atemlose Aufmerksamkeit, die zeitweise den Saal mit einem einzigen Rhythmus des Hörens füllte, in sich aufgenommen hat. Scheinbar ist nur das Äußerlichste gesagt, wenn ich erzähle, daß der Jugendtag mit einer Ansprache Bubers an die Jugend begonnen hat, dann sich einen Tag lang mit Meinungsbekanntgeben quälte, um schließlich, an dem letzten Tag in einer gemeinsamen Treffwanderung nach der Gießhübler Heide zu greifbarer Wirklichkeit sich zu verdichten. Es ist aber nicht nur Äußerlichkeit, denn darin ist Ausdruck jugendlichen Lebens in seinem staunenden Aufhorchen, quälerischem Grübeln und jubelnden Daseinsgefühl. Alle Worte der Debatte waren umrahmt von den beiden Gegensätzen: Ost und Westjuden und Besinnung oder gefühlgemäße Tat. Ost- und Westjuden Da genügt nicht äußerlicher Unterschied, eine unendliche Kluft muß zwischen Ost- und Westjuden sein, denn die Verteidiger und Wortmacher (Ostwie Westjuden) dieser abgründigen Kluft versichern: Ihr Westjuden könnt den Ostjuden nicht verstehen, denn ihr seid nicht in seiner Jidischkeit aufgewachsen! Wenn diese Kluft wirklich so abgründig ist, dann müßte sie doch irgendwie auch geburthaft sein. Wie sollen wir aber dann verstehen, daß etwa Buber von einem Teile der Westjuden als der Repräsentant des Westjudentums genommen wird und auch von jenen Östlern, denen es gerade nahe liegt, einen Gegensatz zwischen sich und Buber noch außerhalb quantitativer Momente zu betonen. Kann man noch geburthafter Ostjude sein als Buber? Und warum, wenn die Kluft so groß ist, haben wir alle jungen Westler den Schomrim-Führer Rieger so restlos verstanden, trotzdem er Hebräisch und Jiddisch sprach? Denn wir haben ihn so verstanden, als spräche er aus unserer Seele, sogar obgleich ein methodischer Irrtum in seiner Rede klar zutage trat. Wollt ihr vom großen Unterschied des Ost- und Westjuden Näheres wissen? Den Ost- und Nordseehering trennt die geographische Kluft und die Kluft ungleicher Erziehung und ungleichen Anteils an der sogenannten „europäischen Zivilisation". Die Ostseeheringe tun sich viel zugute auf die Bildung und Zivilisation, nach der sie frisiert sind; die Nordseeheringe blähen sich in Betonung ihrer Heringischkeit. Nimmt man aber einen Nordseehering und Ostseehering, so ist kein Kundiger der Welt imstande, die beiden Tiere auseinanderzuhalten und zu bestimmen, welcher der Ost- und welcher der Nordseehering ist. Und doch kann man sie auseinanderhalten. Wenn ihr tausend Ost- und ebenso viele Nordseeheringe nehmt, dann könnt ihr sagen, wenn ihr von jedem einzelnen den Quotienten aus Länge durch Umfang nehmt, den Querschnittsquotienten, und dann aus allen Quotienten je den Mittelwert für Ost und Nord, daß dann der Heringsschwarm mit kleinerem Querschnittsquotientenmittelwert der Ostseeheringsschwarm ist. Ich weiß nur nicht, ob Unmittelbarkeit und Tatlust jüdischer Jugend zu solchen Ost- und Westjudenquerschnittsquotientenmittelwertsuntersuchungen Zeit und Lust hat, denn auf der Gießhübler Heide scheint sich ein viel unvermittelteres Verhältnis, als diese Quotientenbezogenheit ergeben zu haben. So ergab sich auch, daß für die Gesamtorganisation zwischen östlicher und westlicher Jugend allein territoriale Differenzierungen, aber keine grundsätzlichen Differenzen vorlagen. Denn der jüdischen Jugend kommt es auf den einen unteilbaren Kern an, und zumal die auf Zion blickgerichtete Jugend wird die verschiedene Frisur wie Spinnengewebe zerreißen, wo es an den Aufbau geht. Und dieses große Gefühl lag trotz allem über uns, auch im Wust des Aneinandervorbeiredens von Sonntag: daß es nun endlich an den Aufbau geht.