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Der Jude · 1918-01-01 · Heft 3 · p. 136

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
3 (1918-1919)
Issue
Heft 3
Article
Jakob Gordin und das jüdische Theater
Date
1918-01-01
Page
136 (sequence 7)
Language
German
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136 Michael Weichert: so ist es meist im schwächlichen, konzilianten Charakter unbegründet, kommt überraschend, und bleibt, als was es gedacht war: ein szenischer Effekt Die Passivität ihrer Helden suchten die bürgerlichen Dramatiker seit je dadurch zu rechtfertigen, daß diese im Gegensatz zu den Trägern der hohen Tragödie — die über der Gesellschaft, ihren Gesetzen und Einrichtungen stehen — allseitig gebunden sind. Das trifft für den Juden in unvergleichlich höherem Maße zu. Und letzten Endes hat seine leidenschaftliche Sehnsucht nach Freiheit und das Maßlose in ihrem Gebrauch seinen Grund in unübersehbaren Bindungen durch erkannte und unerkannte Gewalten, die sein Leben beherrschen. Diesen leidvollen Gestalten bei Gordin und seinen Nachfolgern (ein Stück von seinem Schüler Libin führt den bezeichnenden Titel: „Die gebrochenen Herzen") waren die stärksten Sympathien beschieden, zumal, wenn eine sanfte aufopfernde Dulderin um die Gunst des Publikums buhlte. Am schlechtesten schnitt bei Gordin die erwachsene Jugend ab. Nirgends hat ihre Sehnsucht, ihr Ringen nach einem ganzen, ungebrochenen Dasein ihren Ausdruck gefunden. Immer sieht Gordin nur Fäulnis in der Familie: die Jungen untätig, verdorben, verlogen, diebisch, lüstern, wenn sie auch manchmal am Schluß — um das schöne Familienbild nicht zu stören — plötzlich bekehrt werden. Gerade auf die Jugend hat es der Autor abgesehen. Sie vor den Folgen der Sittenverderbnis zu warnen, zur Einkehr zu mahnen, schien ihm dies der geeignetste Weg. Was außerdem in ein jüdisches Haus gehört, an raffinierten, aber tüchtigen Geschäftsführern, an treuem, rührend anhänglichem Dienstpersonal beiderlei Geschlechtes, — das, wenn anderen Glaubens, eine nicht unerwünschte theatralische Variante bildet — vervollständigen das Bild. Nach echter Theaterkunst, die gern Nebensächliches hervorhebt, — man denke an die feine psychologische Behandlung auch der nebensächlichsten Gestalten bei Ibsen — sind diese Nebenpersonen lebenswahr gezeichnet und bilden dankbare Aufgaben für die Schauspieler. In der Stellung der Personen zur Familie erschöpft sich die Charakteristik. Man ist ein guter oder schlechter Sohn, zärtlicher oder brutaler Gatte, treue oder untreue Gattin, nachsichtiger oder strenger Vater. Der gesellschaftliche Zustand als Hintergrund — wie z. B. im französischen Thesenstück des. Dumas fils und Augier — fehlt. In diesen durchaus unpolitischen, durchaus unsozialen Stücken spielt die berufliche und ständische Gliederung bis auf einige wenige Ausnahmen gar keine Rolle. Es gibt eben in der Gordinschen Welt nur einen Beruf: den kaufmännischen, und nur einen Stand, den bürgerlichen. Daher erscheinen die Gestalten wie losgelöst von ihrer sozialen Umgebung. Wir sehen sie nicht Geschäfte machen, nie Mittel erwerben, nie im Kampf ums Dasein ihren Mann stellen. Das Geld, mit dem sie im wohltuenden Gegensatz zur europäischen Bühnenpraxis sparsam umgehen, ist ein Spargroschen, im sauern Schweiß vor Beginn des Stückes zusammengeschuftet, und nun durch die liederliche Wirtschaft einer treulosen zweiten Gattin oder das verschwenderische Leben eines zweiten Gatten bedroht. Nie vergaß Gordin, daß das gähnende Loch der vierten Bühnenwand eine Menge ist, die zu belehren sein Amt war. Vom abgespannten Zuschauer durfte man nicht viel gedankliche Mitarbeit verlangen. Eine tiefgehende Kompliziertheit der Charaktere dürfte den lernfrohen Theaterbesucher nicht verwirren. Licht und Schatten müssen streng geschieden sein, feine Übergänge vermieden

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