Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Jakob Gordin und das jüdische Theater
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 135 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Gordin und das jüdische Theater Das ist mit ein Grund, daß die Galerie Gordinscher Gestalten nicht reich ist. Es sind durch fortgesetzte Inzucht erzeugte Abwandlungen gewisser Typen, selten (Arzt in „Kraft", Vater in „Kreuzersonate") bis zu vollem individuellen Leben gediehen, wenn auch mit Einzelzügen reich geschmückt und szenisch außerordentlich wirksam. Es standen ihm nur wenig Variationen zur Verfügung. Aber bei seiner durch die Lieferungstermine bedingten, fieberhaft gesteigerten Tätigkeit ist auch der Reichtum der Nuancierung im Einzelnen erstaunlich. Vom Spaßmacher und seiner Wandlung war bereits die Rede. Ihm zur Seite tritt sein eheliches Gesponst, das unverkennbare Züge der Colombine trägt, die ihrem Harlekin auf dem Weg durch die Theatergeschichte auch auf der jüdischen Bühne treu geblieben ist. Sie bildet eine Ergänzung und zugleich einen Gegensatz zu ihrem Mann. Ist er passiv, sie um so aktiver; ist er ängstlich, sie mutig und draufgängerisch; er kränklich, sie gesund und robust; er schweigsam, sie redselig; er konziliant, sie zänkisch; er skeptisch, sie abergläubisch; ihm geht, als einem gewesenen Künstler, eine gewisse Nonchalance nicht ab, sie ist kleinlich und geizig. Diese Kontrastierung, welche Fülle komischer Wirkungen! Das lustige Paar hat Gordin aus der alten Volksposse übernommen und fortentwickelt. Einen anderen Typus hat er — von einer provinzialen Eigenart der breiteren Natur des südrussischen Juden angeregt — selbständig geschaffen und zu großen Ehren gebracht. Im Mittelpunkte der Familie steht der pater familias als strenger, rauher, aber grundgütiger, edler, um das Wohl der Seinigen stets besorgter, unermüdlich schaffender Mann, oder als brutaler, eitler, genußsüchtiger, frömmelnder Tyrann, ein beliebter Gegensatz zum leidenden Weib, dem „Helden" der Gordinschen Stücke. An seine Stelle tritt oft — wieder eine ureigenste Schöpfung Gordinscher Muse, von der erwähnten Madame Lipzin anscheinend beeinflußt — die mater familias, die in jüdischen Kreisen bekannte uxor mercatrix, die neben ihrem Haushalt noch einem ausgebreiteten, weitverzweigten Geschäft vorsteht, von männlicher Tatkraft, kühl abwägender Klugheit, ungewöhnlicher Welterfahrung, sicherem Taktgefühl im Verkehr, sachlich, immer tätig, unsentimental, aber auch herrisch, launisch, trotzköpfig. Neben diesen, eines gewissen künstlerischen Reizes nicht entbehrenden Gestalten, — die wichtigste und weitaus sichtbare Person, der Träger des Rührungsmäßigen, der eigentliche „Held", öfters „Heldin". (Man denke an die weiblichen Gestalten der ersten Lessingschen Stücke „Sarah" und „Emilia".) Es sind keine Gestalten von kraftstrotzendem Selbstbewußtsein als Vorkämpfer sittlicher Ideen, die in ihrer verblendeten Leidenschaftlichkeit und maßlosen Überhebung das Zeitalter in die Schranken fordern. Nicht die Welt zu gestalten, ihr eigenes Leben vermögen sie nicht einmal zu lenken, sich zu behaupten. Kleine, schwache Menschen sind es, die ihre Kräfte im Alltagsleben aufreiben, sich mit kleinlichen Problemen und Fragen der täglichen Moral abmühen, einen moralisch unbesonnenen Schritt ihr Leben lang büßen, die in Ermangelung des Gotteszeichens der Persönlichkeit einen unfreiwillig komischen Eindruck auf uns Nachgeborene machen. Ihrer Zeit sollten sie durch ihre Unbeholfenheit, durch ihr schuldloses Leiden, das ihnen von anderen starken, brutalen Naturen zugefügt wurde, eine Träne des Mitleids entlocken. Märtyrer, Leidenshelden, <üe geschoben werden, die an ihren Ketten zerren, zur Untätigkeit verurteilt. Und rafft sich solch ein passiver Held gegen Ende des Stückes zu einer Tat auf, greift er nach dem Messer, nach der Giftflasche oder dem Revolver, oder beiden,