Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 3 (1918-1919)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Jakob Gordin und das jüdische Theater
- Date
- 1918-01-01
- Page
- 134 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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134 Michael Weichert: kungen des Rampenlichtes für die Bühne rekonstruiert. Der sichtbare Träger der belehrenden Tendenz, der Mittler zwischen Autor und Publikum ist im modernen Theater der Schauspieler. In erster Reihe gilt es ihn zu gewinnen. Er muß ein warmes, andauerndes Interesse am Stück nehmen. Von seinem Standpunkt, das ist vom Standpunkt der Rolle. Im Gegensatz zum Dramatiker, der mit seinem inneren Auge ein geschlossenes Gebilde erschaut und es mit den Mitteln der Wortkunst wiederzugeben versucht, schwebt dem Theatraliker von vornherein ein lebender Mime vor. Wie weit das Spiel eines hervorragenden Bühnenkünstlers die schöpferische Phantasie auch der bedeutendsten Dramatiker unbewußt befruchtet hat, beweisen die Beziehungen eines Shakespeare, Moliere, Schiller zum Theater ihrer Zeit; Beziehungen, denen sie ein gut Teil ihrer unmittelbaren Erfolge verdanken. Vollends der Tagesschriftsteller des Theaters kann sich von seinem Bühnenmodell nicht befreien. Jeder große Künstler hat Lieferanten, die ihm Rollen auf den Leib schreiben. Auch Gordin haben zu den meisten seiner Gestalten Künstler von Rang Modell gestanden. Seine Aufrichtigkeit geht so weit, daß er es für angebracht hält, diesen Umstand auf den Titelblättern der im Druck erschienenen Texte zu vermerken*). Der jüdische Star betrachtet die ihm vom Autor gegen eine einmalige Abfindungssumme zu liefernde Rolle — die Beteiligung des Autors an den Einnahmen eines Stückes in Form von Tantiemen ist dem jüdischen Theater fremd — als sein Privateigentum, für das er seinen ehrlichen Groschen zahlt und mit dem er nach Belieben verfahren kann. Nach Maß hergestellt, muß eine Rolle tadellos sitzen und alle Kunststückchen und Fertigkeiten des Stars, vor allem aber seine physischen Reize ins günstigste Licht rücken, die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn lenken. Aber auch an die übrigen Angestellten denkt ein kluger Unternehmer. In weitem Abstand vom „Gewaltigsten" muß auch ihnen Gelegenheit gegeben werden, zu zeigen, was sie können. Und zwar muß jeder, der zur Zeit Mitglied einer Truppe ist, mit einer entsprechenden, typischen Rolle bedacht werden. Kein Einziger darf leer ausgehen, auf daß es keine Müßiggänger auf Gottes Erden gäbe* Über die Mitgliedschaft entscheidet aber nicht so sehr der jeweilige Bedarf eines Ensembles, als das Gutdünken der mächtigen „Union", einer gewerkschaftlichen Organisation der jüdischen Schauspieler in Amerika, die jedem Arbeitgeber eine gewisse Zahl von Arbeitnehmern zuweist und ihren Anordnungen nötigenfalls durch Streiks und Sperren einen kräftigen Nachdruck zu verleihen versteht. Zwischen den künstlerischen Anforderungen eines Theaterstücks und dem also geschaffenen jeweiligen Personalbestand einer Truppe das Gleichgewicht herzustellen, setzt ein Maß von theaterdiplomatischen Fähigkeiten voraus, die nicht jedermanns Sache ist. Durch jahrzehntelange Übung in der Darstellung eines und desselben Typus erwirbt der Schauspieler eine einseitige, seine künstlerische Entwicklung schädigende Fertigkeit und bringt am Ende den abweichenden, individualisierenden Versuchen des Autors kein Verständnis entgegen. *) Die beiden mir vorliegenden amerikanischen Texte führen den Titel: Mirele Efros, di idische kenigin Lir, a lebensbild in 4 akten fyn Jankew Gordin, speziel gesrieben fir madam k. lipzin Newyork 1898 — Di jesojme, a drama in 4 akten fyn Jankew Gordin, speziel gesrieben fir der grojser tragischer schouspielerin madam K. Lipzin. Beide Titelblätter schmückt — wie in jenen Landen üblich — ein Bild des Autors; das innere Titelblatt der „Josejme" enthält außerdem ein Porträt der Madame Lipzin.